Ferdinand Raimund
Ausgewählte Briefe und Anzeigen

An Adolf Bäuerle

       

[München, 25. März 1830]

Lieber Bruder!

Du erhältst hier, was sich in der Geschwindigkeit an Rezensionen vorfand, suche dir aus was du für brauchbar hältst. Du wirst billiger Weise nach den Wiederhohlungtexten fragen, von welchen der Bazar erwähnt, ich würde sie dir gerne senden, wenn dein Blatt nur in Wien gelesen würde, aber es verbreitet sich in ganz Deutschland, und ich wünschte sie auch an andern Theatern zu singen, mit Abänderung versteht sich. Darum nimm es mir nicht übel lieber Bruder, wenn ich nach Wien zurück kehre geb ich sie dir samt allen was ich dann vieleicht noch bey anderer Gelegenheit gedichtet habe. Mit meiner Gesundheit steht es wieder besser, ich habe, wie ich dir schrieb, meine Reise ins Gebirg wirklich angetreten. Allein das hieße nach Kamtschacka reisen um eine Molkenkur zu brauchen, auf meiner ganzen Reise, hat mich ein immerwährendes Schneegestöber begleitet, ich kam also nur 6 Posten weit, gegen die Grenze von Tirol, und machte rechts um, nach München zurück, hier nannte man mir endlich einen homöopathischen Arzt nach dem ich sandte. Wir besprachen uns, du weißt daß ich Profeßor der Hipocondrie bin, und gleich nach Einnahme des ersten Mittels hatte ich eine ruhige Nacht. Mit dem Apetitt sieht es noch schlecht aus, aber das wird sich bald geben, und ich hoffe nach Ostern wieder spielen zu können. Du wirst wohl in meinem schmerzhaften Brief, den Ausdruck: wenn das Publikum bezahlen muß, nicht verstanden haben. Jedes Publikum muß ja bezahlen? Allein hier sind oft 800 Freybillete, und eine ungeheure Menge verschenkter Spersitze, die Logen abonnirt nun da kann man doch oft beynahe nicht sagen das Publikum bezahlt. Bey meinem Auftreten ist nun das alles aufgehoben. Es geht mir hier mit meinen Gastspielen vortrefflich, aber ungeheuer langsam. Drey Gastrollen in einer Woche herauszubringen, daß wäre etwas entsetzliches. Vier? Diesen Riesengedanken wag ich nicht auszudenken, wenn sie hier die größte Oper 2 Mahl aufführen, liegt sie wieder ein ganzes Jahr. Alle Augenblick erkrankt Jemand und wenn ein Stück angekündet ist, ist die ganze Stadt in Besorgniß, ob es denn auch wirklich Abends aufgeführt werden wird. Kurz das Theater ist ein wahres Bureau der Unmöglichkeit, übrigens sind hier sehr große Mittel, und ich muß mit Dank gestehen, für mich von allen Seiten der beste Wille. Die Sache ist ihnen neu und macht ihnen selbst Unterhaltung. So eben blicke ich zum Fenster hinaus, und bewundre die dichtfallenden Schneeflocken. Die Witterung ist schändlich, wir frieren wie um Weihnachten, und auf der Straße hacken sie Eis. Wie geht es euch in meinem lieben Wien, ich kann unmöglich glauben, daß sich diese Eis Diarrhee bis nach Wien erstreckt, da muß es denn doch zum Teufel schon grüne Anger geben. Ich komme mir hier vor wie der verbannte Kozebue. Jetzt lebe wohl lieber Bruder, sey nicht böse daß Du an meinem dummen Gewäsche so lange zu lesen hattest, wirst du wieder etwas von dir lesen lassen, wird es mich sehr erfreuen, grüße mir herzlich deine Frau Gemahlinn und deine ganze Familie, auch alle guten Bekannten, und bleibe freundschaftlich gewogen

Deinem achtungsvoll
Am 25 März 830.
ergebenen Raimund.

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