Ferdinand Raimund
Ausgewählte Briefe und Anzeigen

An Karl Ludolph

       

[Berlin, 2. Mai 1832.]

Verehrter Freund!

So sehr mich der Eingang Ihres lieben Briefes erfreut hat, so sehr mußte mich seine Wendung betrüben, weil ich nicht im Stande bin, Ihren, mir sonst so werthen Wunsch, auf die mir durch Director Carl vorgezeichnete Weise zu erfüllen. Sein Spekulationsgeist, hat sich doch ein wenig auf die Spitze gestellt, und was er von mir fordert, steht in keinem Verhältniß mit dem, was er Ihnen dafür gewährt. Eine Viertel Einnahme!! Mir ist, als ob ich Thalia, mit einem Brodsacke auf dem Rücken, von Haus zu Haufe wandern sähe. Dann – habe ich allen Respekt vor HE Nestroi, wenn er auch gar keinen vor mir hat, aber wenn meine Stücke, so lange sie noch ungedruckt sind, an der Wien aufgeführt werden, so wünsche ich daß die Hauptrolle in meinem Geiste gegeben wird, wodurch die Stücke allein in ihrer wahren Gestalt erscheinen, wie es sich hier in Berlin deutlich beweiset.

D.. Karl mag die Decorationen immer vermalen lassen, und mit dem Thale der Zufriedenheit den Anfang machen, das interessirt mich nicht im Geringsten, Er wird es gewieß nur dann thun, wenn er keinen Nutzen mehr daraus zu ziehen hofft, und da kann ich es ihm auch nicht übel nehmen. Aber auch Sie mein werther Freund werden es mir nicht übel nehmen, daß eines so geringen, zweifelhaften Nutzens wegen, der Ihnen zufließen würde, ich einen Contract umstoße, den ich vorsichtiger Weise, mit Carl so fest abgeschlossen habe. Überhaupt scheint Carl meine Freundschaft zu andern Künstlern, zu seinem geringen Vortheile benützen zu wollen, und das ist seiner unwürdig. Ein so glücklicher Director, gegen den ich mit meinem wenig Zurückgelegten, doch nur unvermöglich erscheine, sollte zu stolz sehn, aus Allem Vortheil ziehen zu wollen. Übrigens verändert das, meine achtungsvolle Meynung, gegen Ihn, nicht im Mindesten, wir kennen ihn ja, er wird nicht anders mehr!

Daß es mir in Berlin, wenn ich die nahmenlosen Hindernisse, und anfänglichen Kabalen vieler Schauspieler der Königsstadt bedenke, noch brillanter als in München und Hamburg geht, dürfen Sie glauben. Ich glaube daß mich Berlin, weit nobler entlassen wird als das rohe Pesth Dem Hagen. Es gab wohl hier wie überall, löbliche Ausnahmen, denn jetzt sind wohl alle süß geworden, und drücken die Hände aber ähnlicher Neid ist mir noch nicht vorgekommen, heiliger Scholz!! der du mich so freundschaftlich an deine Seite treten ließest, und im Bewußtseyn deines wahrhaften Verdienstes mir die Hand reichtest, zu dem Ehrenbunde, mit dir auf einer Bühne zu glänzen, immer leuchtender wird der Strahlennimbus den dir meine dankbare Fantasie ums Künstlerhaupt gedichtet hat. Grüßen Sie ihn herzlich! Auch den guten, armen Krones, dessen Zustand Ihnen noch einigen Trost gewähren kann, denn der Kranke ist doch immer, der Bedauernswürdigste! Möchte sich bald ein glücklicher Umstand ereignen, der Ihre so unverdient mißliche Lage, in eine so vortheilhafte verwandelt, als es Ihr schönes Kunsttalent und Ihre vielseitigen Kenntnisse meritiren, dieß wünscht, und wird wenn es in seiner Macht steht, gewieß herbeyzuführen suchen

Ihr
aufrichtiger Freund
Raimund

Berlin am 2ten May 832
Empfehlen Sie mich HE und Fr v Karl wie auch HE u. Frau v Scheidlin.
Seiner Wohlgeborn Herrn Carl Ludolph
dramatischer Künstler an dem Theater der Wien. Abzugehen in der Theaterkanzley
bey HE Oekonom Petzel.
franco. Wien.

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