Ferdinand Raimund
Ausgewählte Briefe und Anzeigen

Nothgedrungene Erklärung

       

[Wien, 19. Februar 1824.]

Der „Gesellschafter“ vom 2. Februar d. J. enthält eine Correspondenz-Nachricht aus Wien mit der Bemerkung: „Ein neues Zugstück mit einer brillanten Rolle für den Komiker Raimund ist: „Der Barometermacher auf der Zauberinsel“, nach einem Mährchen Wielands, bearbeitet von Meisl; von Raimund mit Späßen ausgestattet, und von Müller mit guter Musik versehen.“

Da diese Anzeige nur durch eine fälschliche Ausstreuung entstanden seyn kann, und ich durch solche beschuldigt werden könnte, als hätte ich meinen Nahmen einer Sache beygegeben, die nicht mein Werk ist, so sehe ich mich genöthiget, meine Ehre folgenderweise zu vertheidigen: Herr Meisl hat zu meiner Einnahme wirklich das Mährchen „Prinz Tutu“ nach unseren gemeinschaftlichen Ideen angefangen zu bearbeiten, und mir einen Akt dieses Zauberspieles, welches den Titel: „Horn, Beutel und Kappe“ führen sollte, übergeben.

Geschäfte verhinderten ihn an der Fortsetzung, und da die Direktion die Zeit meiner Einnahme schon festgesetzt hatte, so übernahm ich mit der Einwilligung des Herrn Meisl selbst die Bearbeitung dieses Mährchens.

Es befindet sich demnach in meinem Stücke nichts aus dem mir überlieferten ersten Act, als die Eingangsscene der Nymphen mit dem darauffolgenden Ariettchen, und die fünfte Scene, welche das erste Erscheinen des Tutu und der Zoraide in sich faßt. Alles andere, was diese Posse enthält, es sey nun mehr oder weniger tadelnswerth, ist von mir ohne der Beyhülfe irgend eines Andern verfaßt, auch ist in der zweyten Hälfte des ersten Actes nicht nur ein anderer Dialog, sondern auch ein anderer Gang der Handlung. Das verehrungswürdige Publikum nahm diese Posse mit Rücksicht auf, wofür ich bey dieser Gelegenheit meinen innigsten Dank abstatte, und dietz sind ungefähr die Ursachen, warum ich es wagte, meinen Nahmen bey der dritten Vorstellung auf den Zettel drucken zu lassen. Herrn Meisl’s Verdienste um die Bühne sind übrigens zu bekannt, als daß er es nöthig hätte, seinen Nahmen fremden Stücken beygelegt zu sehen. Doch sollte der mir unbekannte Einsender oberwähnter Notiz im „Gesellschafter“, einen eben so großen Zweifel in die Beweise der Wahrheit meiner Vertheidigung setzen, wie er ihn in die Veurtheilungen der Wiener-Blätter über diese Posse, in welchen ich als Verfasser genannt bin, zu setzen scheint, so steht ihm die Durchlesung beyder Manuskripte, welche sich in meinen Händen befinden, jeden Augenblick zu Diensten. Mir aber bleibt nun nichts mehr übrig, als die verehrten Leser dieser Zeilen aufmerksam zu machen, daß mich nur eine, meiner Ehre so nachtheilige Aufforderung bestimmen konnte, eine Leistung so breit zu besprechen von der ich vollkommen überzeugt bin, daß sie zu geringfügig ist, als daß sie in irgend einem andern Falle einer solchen Auseinandersetzung werth wäre

Ferdinand Raimund.

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