Ferdinand Raimund
Gedichte und Stammbuchblätter

An die Ungetreue

  

Dort auf jenes Berges Rücken
Steht der heilgen Mutter Bild,
Reinheit strahlt aus ihren Blicken,
Und das Kindlein lächelt mild.

Wenn der Landmann nach den Mühen
Des Tages heim nach Neustift eilt,
Bleibt er vor der Säule knien,
Wo er andachtsvoll verweilt;

Dann zieht er gestärket weiter
Hin nach seinem niedern Haus,
Und daß ihm die Seele heiter,
Sprechen seine Blicke aus.

Oh! so stand auch ich beglücket
Einst an dieser Säule Fuß,
Dort hat mich ihr Schwur entzücket,
Damals glaubt ich ihrem Kuß.

Hier vor deinem Gnadenbilde
Haben wir uns treu verlobt,
Tugend wählten wir zum Schilde,
Unsere Liebe war erprobt.

Ewig schwuren wir uns zu lieben,
Und dein Bild hat sie berührt,
Betend ist sie stehn geblieben,
Oh, wie war ich da gerührt.

Hand in Hand sind wir gegangen,
Einsam kehre ich zurück,
Es war irdisches Verlangen,
Und im Staub zerfiel mein Glück.

Darum bin ich auch gekommen
Zu dir in des Abends Strahl,
Alles hat man mir genommen,
Allein bin ich mit meiner Qual.

Neidisch seh ich dort die Sonne
In ihr Grab hinuntergehn,
Denn zu sterben war mir Wonne,
Um sie nimmermehr zu sehn.

Treulos hat sie sich gewendet,
Und du hast es angesehn?
Keinen Engel ihr gesendet,
Die dir dort zur Seite stehn?

Hast du es denn nicht beweinet,
Daß dir eine Tochter fiel?
Hast die Herzen uns vereinet
Und verlassest uns am Ziel?

Oder ist er ihr erschienen,
Und sie hat ihn nicht gehört,
Will sie denn der Hölle dienen,
Daß sie einen Meineid schwört?

wp