Ferdinand Raimund
Gedichte und Stammbuchblätter

Der Menschenfeind

(Monolog eines ungerecht Verfolgten)

  

Könnt vollführen ich den Plan,
Ausgedacht in Hasses Wahn:
Wo die Welt verwandelt war
In ein unermeßnes Meer
Von so schreckenvoller Tiefe,
Daß man selbst Gefahr noch liefe,
Ob wohl Asiens Himalayen,
Deren Höhn den Wolken dräuen,
Ließ' man sie als Senkblei nieder,
Sich dem Auge zeigten wieder!
Und aus diesem Höllengrunde,
Mit Unmöglichkeit im Bunde,
Streckte kahl und unbelaubt,
Kühn, ein Fels sein drohend Haupt!
Und auf ihm, so spricht mein Traum,
Stund ein ungeheurer Baum,
Der so ewig fest verzweiget,
Daß die Windsbraut ihn nicht beuget;
An den Ästen, fruchtbehangen,
Müßte stolz die Menschheit prangen!
Und beseelt von Rachefeuer,
Als ein riesig Ungeheuer,
Möcht ich solcher Welt zum Beben
Zwischen Meer und Himmel schweben!
Dann mit stahlbenervten Armen
Würde ich ohn all Erbarmen
Diesen Baum mit Macht erschüttern,
Bis daß fielen all die bittern,
All die faulen Früchte ab
Und das Weltmeer würd ihr Grab.
Nur die Edlen glänzten oben,
Um des Baumes Saft zu loben,
Der bloß kernge Frucht besitzt
Und verlor, was ihm nicht nützt.
Plötzlich brach dann eine Sonne
Zu des Auges höchster Wonne
Aus dem finstern Wolkenflor
Herrlich strahlend rasch hervor,
Und nun sähe man im Glanze,
In des Baums smaradgnem Kranze,
Alles Große dieser Welt,
Von der Wahrheit Licht erhellt,
Und mit Myriaden Augen
Wollt ich diesen Anblick saugen!
Doch wo bist du, eitler Traum -?
Luftverronnen ist der Baum,
Ausgelöscht der Sonne Licht,
Auch den Fels erblick ich nicht?
Dunkel ist es um mich her,
Und vertrocknet ist das Meer.
Darum schleich ich zum Kamin,
Setze mich ans Feuer hin,
Leg die Hände in den Schoß,
Schau den Rauch, gedankenlos.

Weidling am Bach, am 5. Mai 1828

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