Ferdinand Raimund
Gedichte und Stammbuchblätter

Ins Stammbuch
meinem Jugendfreunde F. X. T.

  

Wie das Leben mir erschienen,
Heute bunt wie Marktgewühl,
Morgen schal und leer und öde;
Einmal froh wie Minnespiel.
Und dann wieder schwarz und trübe –
Wie michs mannigfach berührt
Und in seinen Kreis gezogen,
Mächtig wie des Strudels Wogen,
Der das Schiff zur Tiefe führt:
So auch klagt ich treuen Herzen
Heute Lust und morgen Schmerzen,
Weinte jetzt der Freude Tränen
In den Kranz der fremden Lust;
Goß, den Schmerz mir zu versöhnen,
Ihm mein Weh in seine Brust.
Und auch du hast mich verstanden,
Blumen oft mit mir gepflückt,
Die wir uns zum Kranz gewunden,
Die in unsern schönsten Stunden
Heitrer Jugend uns geschmückt.
Doch verschiedne Wege führet
Uns des Lebens ernstes Ziel –
Bald dann ist uns nichts geblieben
Als an ein vergangnes Lieben
Der Erinnerung Gefühl.

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