Ferdinand Raimund
Gedichte und Stammbuchblätter

An Löwe

  

Wer lebte einst, und ist noch jetzt geehrt?
Wer lebt noch jetzt, und wird es einstens sein,
Ders wirklich auch verdient, daß sichs die Welt
Erzählt, daß er gelebt? Gewiß nur der:
Der unermüdet stets nach Wahrheit strebt
In jeglichem Geschäft; der forschend, kühn,
Des Lebens große Fragen an sie stellt
Und nicht erbebt, wenn sie ihr Götterhaupt
Bei mancher Hoffnung, die er glühend nährt,
Oft unerbittlich streng verneinend schüttelt!
Der seines Schicksals Auftrag ganz vollbringt
Und nicht erglänzt, Vollbringung nur erheuchelnd,
Bis ihn die Welt auf dem Betrug ertappt!
Dies ist ein Mann! ein Künstler! Was es sei!
Wert! daß das Leben ihn willkommen heiße,
Und so bist du! So hab ich dich erkannt!
Im Glanz der mächtgen Wahrheit bist du mir
Erschienen. Wahrhaft Edles hast du mir
Vors Aug gerückt, drum ehr ich wahrhaft dich
Und bring dir Dank für so viel schöne Stunden,
Die ich im Anblick meiner Göttin hab
Durchschwelgt. O möchte dir das Leben auch
Des wahren Glückes Friedenspalme reichen,
Du hasts verdient, du förderst seinen Ruhm,
Weil echte Kunst das Leben stets verschönert;
Und glaube mir, es ist nicht undankbar!
Die Kunst hat bei dem Leben viel voraus,
Sie soll nicht wahr sein bloß, sie darf es auch!
Wie oft hat Wahrheit Haß nicht im Gefolge,
Der Künstler nur wird stets durch sie geliebt!

Wien, am 20. November 1834.
Ferdinand Raimund

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