Ferdinand Raimund
Gedichte und Stammbuchblätter

Das letzte Lied

(Gutenstein, August 1836)

  

Phöbus lenket früh die Zügel
Abwärts zu der Ruhe Spur,
Denn es schwingt die feuchten Flügel
Schon der Herbst auf unsrer Flur.

Die gefallnen Blätter rauschen,
Schmückend noch des Baumes Fuß.
Gluten, die mit Kühlung tauschen,
Strahlen ihren Abschiedsgruß.

Stille ist es in den Lüften,
Fern der leichten Sänger Schar;
Einsamkeit tritt aus den Klüften,
Die dort angefesselt war.

Ach, es bringen ihre Spuren
Uns die grauen Nebel schon,
Und auf menschenleeren Fluren
Steigt sie auf den öden Thron.

Doch nur mir bringt sie Entsetzen,
Weil mein Herz sie suchen muß;
Meinen Frieden zu verletzen,
Reich ich ihr den Bruderkuß.

Strahlen sehe ich verblinken,
Die der Abend kaum gebar;
Auch in mir muß untersinken,
Was einst meine Wonne war.

Grünen sah ich euch, ihr Hügel,
Meinem Hoffen ward ihr gleich,
Doch die Göttin schwang die Flügel
Treulos fort von mir und euch.

In des Lebens Sommertagen
Sinkt die Freude mir in Nacht;
Und nur ihr will ich es klagen,
Was so elend mich gemacht.

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