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Ferdinand Raimund
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Burgtheater

Der Verschwender

Premiere 16. September 2005

   

Im Rahmen des Jubiläumsjahres inszeniert Stefan Bachmann Ferdinand Raimunds „Der Verschwender“ neu – eines der vier Stücke der Wiedereröffnung des Burgtheaters 1955. Am Burgtheater war „Der Verschwender“ zuletzt in der Regie von Leopold Lindtberg 1976 bis 1977 zu sehen. Und natürlich ist diese Neuinszenierung auch eine Wiederbegegnung mit Konradin Kreutzers wundervollem Orchesterwerk zu Raimunds Stück.

Stellen Sie sich vor, Sie wären jung und reich. Stellen Sie sich vor, Sie hätten so viel Geld, dass Sie meinten, niemals alles ausgeben zu können. Stellen Sie sich vor, das Schicksal war stets gut zu Ihnen. Stellen Sie sich vor, Ihr Haushalt wäre ein einziger Festtag. Sex, Drugs and Rock ’n Rol … Alles könnten Sie haben, nur die Liebe nicht.

Stellen Sie sich vor, Sie liebten ein Mädchen, ein Bauernmädchen, aus den Bergen. Stellen Sie sich vor, sie wäre die Liebe Ihres Lebens, aber plötzlich verließe sie Sie für immer.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten alle Frauen bekommen, aber in jeder suchten Sie nur die Eine, die sich entzog, entziehen musste. Leidenschaftlich, hektisch und zerrissen wäre Ihr Leben, es irrte und irrlichterte, kennte weder Preis noch Halt, keine Befriedigung, nur Rastlosigkeit.

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Regina Fritsch, Cornelius Obonya. Foto © Georg Soulek

Stellen Sie sich vor: Wer wäre Ihnen Freund, wer Schmeichler, wer ehrlich, wer Opportunist? Sie wüssten es längst nicht mehr, nur eines: Sie wollen das Glück zwingen! Doch der Preis wäre hoch: Er bedeutet Ihren Ruin und kostet mehr als ein Leben …

Eine fantastische Geschichte? „Eigentum verpflichtet!“ heißt es – aber wer hält sich noch daran? Heute hält man nichts von Verpflichtungen, und Kapital bedeutet bloß, tun und lassen zu können, was man will. Unsere Freiheit geht uns über alles, aber gibt es Freiheit ohne Solidarität, Glück ohne Verantwortung? „Der Verschwender“ ist kein Besserungsstück, aber eine Sinnsuche, damals wie heute – 2005. Ein Klassiker!

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Peter Wolfsberger, Hermann Scheidleder, Karim Chérif, Cornelius Obonya, Teresa Weißbach, Christian Nickel; Denis Petkovic, Patrick Oliver Beck (im Vordergrund). Foto © Georg Soulek

Cheristane/Mina/Amalie/eine Gärtnerin (Lolita) Teresa Weißbach

Azur/ein Bettler/Julius von Flottwell Gerd Böckmann

Julius von Flottwell/Azur Christian Nickel

Wolf Michael Wittenborn

Valentin/Michael Cornelius Obonya

Ein Haushofmeister/Valentin Branko Samarovski

Rosa/Liese Regina Fritsch

Ein altes Weib/Rosa Kitty Speiser

Chevalier Dumont Karim Chérif

Herr von Pralling/Max Hermann Scheidleder

Herr von Helm/ein Juwelier Patrick O. Beck

Gründling/Präsident von Klugheim/Thomas Peter Wolfsberger

Sockel/Baron Flitterstein Denis Petkovic

Regie Stefan Bachmann

Musikalische Leitung Elisabeth Attl

Bühne Barbara Ehnes

Kostüme Annabelle Witt

Licht Åsa Frankenberg

Dramaturgie Andreas Beck

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Christian Nickel, Gerd Böckmann. Foto © Georg Soulek


Pressestimmen

Sexpuppen und Elvis-Posen

Die Saisoneröffnungspremiere fand nur spärlichen Applaus.

Mit modernem, provokantem Gewand hat Stefan Bachmann Ferdinand Raimunds „Verschwender“ am Burgtheater nur notdürftig verkleidet. Sexpuppen, goldene Showtreppe und Elvis-Posen peppen seine traditionelle Sichtweise des letzten Raimund-Stücks nur äußerlich auf. Zwischen biederer Idylle mit Dirndl und Almhütte, Zauberwelt und exzessiver Verschwendungslust strauchelt Christian Nickel als Julius von Flottwell durch eine wertentfremdete Welt. Spärlicher Applaus bei der Saisoneröffnungspremiere gestern, Freitag.

„Dudeldide, zufrieden muss man sein“ – mit diesem fröhlichen Schlusschor entlässt das Ensemble sein Publikum, ohne jedoch vorher eine annehmbare Möglichkeit dieses kleinen Glücks vorgeführt zu haben. Raimund schickt seinen Helden Julius von Flottwell auf eine Odysse von schalen Genüssen (bei Bachmann wackelpudding-weiche Sexpuppen in mehr als eindeutigen Posen) über unmögliche und enttäuschte Liebe bis zur bitteren Einsamkeit des Armen, dessen früheren Gefährten sich als falsche Freunde erweisen.

Bachmann enttarnt dazu noch die auf Kompromissen fußende Idylle des fleißigen Handwerkers Valentin (in jungen Jahren Cornelius Obonya, ergraut dann Branko Samarovski) als höchst spießige Kleinbürgerlichkeit. Flottwell winkt als letzter Ausweg die goldene Kreditkarte – aber wer hofft im echten Leben schon auf die gute Fee, die hinter der glücklichen Schlusswendung steckt?

Wie schon bei Steinschen Faust-Projekt spielt Nickel nur die Junior-Version seiner Figur und gibt den Senior ab – hier an Gerd Böckmann. Erst beschützender Geist und bettelnder Begleiter wird Böckmann selbst zur tragischen und tragenden Hauptfigur. Terese Weißbach wird als blonde Fee Cheristane, brünetter Vamp oder bockiger Rotschopf geliebt, bleibt aber blass. Die Bühne von Barbara Ehnes bildet aus zwei gigantischen Treppen ein Dreieck. Das dynamische Bühnenbild funktioniert als flexible Spielwiese mit Schwindel erregender Höhe, die den möglichen Absturz stets spürbar hält.

Dagegen drückt die liebliche Nostalgie der Musik von Konradin Kreutzers, etwas ruppig gespielt vom Bühnenorchester der Wiener Staatsoper unter Elisabeth Attl, dem Ganzen von Anfang an den Stempel der Wienerliedseligkeit auf. Allen voran das Bedienten-Pärchen (Regina Fritsch und Cornelius Obonya) dürfen mit Dialekt und Tradition spielen. Die degenerierte Spaßgesellschaft bildet den scharfen Kontrast dazu. Als schmieriger Kammerdiener Wolf gelingt Michael Wittenborn der Spagat zwischen beiden Welten und damit die Bereicherung.

In der Wiedereröffnungssaison des Burgtheaters 1955 stand der „Verschwender“ auf dem Spielplan des Hauses, passte doch die Moral von der Geschichte glänzend zur anstehenden Wertefindung. Was man ihr auch heute, 50 Jahre und einige geplatzte Wirtschaftswunder-Seifenblasen später, durchaus zutrauen würde. Bachmann allerdings führt keine Lösungen vor, sondern stellt Sackgassen in ihrer Widersprüchlichkeit nebeneinander. Weder Fisch noch Fleisch also, weshalb die Fans eines poppigen Trashtheaters genauso wenig ganz auf ihre Kosten kommen wie die Freunde der Altwiener Raimundtradition.

(Kurier, 17. September 2005)

Kummerlos schlummert die Kuh

Mit nackten Gummipuppen und vaginalen Höhlenräumen schminkt Stefan Bachmann Ferdinand Raimunds „Verschwender“ auf provokative Jugendlichkeit. Scheinbar.

„Die Küh treibn die Sennrinnen just von der Alm. / Genügsamkeit bleibt doch die köstlichste Salm, / Der Reiche liegt schlaflos im goldenen Saal, / Doch kummerlos schlummert die Kuh in dem Stall.“

Das fromme Lied der Genügsamkeit, in das Ferdinand Raimund 1834, bei der Uraufführung im Theater an der Josefstadt, seinen Verschwender ausklingen ließ, erschallt 171 Jahre später nur bei Karl Moik. Dort, wo das reine Herz zu Hause ist.

In der Burg am Ring hingegen versteht man sich manchmal als intellektuell – und also kulturkritisch. Weshalb der redliche Diener Valentin (Cornelius Obonya, später Branko Samarovski) dort selbst am Golde hängt, zum Golde drängt – auch wenn's bei dem Tischlergesellen nur zur Holzhütte reicht. Samt Fernseher, in den die Jugend starrt, die bei Raimund noch liebreich am Boden spielt und krabbelt. Nicht nur der Reiche liegt schlaflos, auch den Armen verzehrt die Gier nach Mehr. In der Welt des schrankenlosen Konsums, als die Regisseur Stefan Bachmann Raimunds Verschwender-Kosmos dechiffriert, ist Platz für edle Gefühle nicht in der kleinsten Hütte. Und schon gar nicht in den Palästen. Weshalb dem Verschwender Julius von Flottwell (Christian Nickel) eine wohlgeformte Gummipuppe an der Leibesmitte nuckelt, ehe er hinaufsteigt in die Berge, die geliebte Minna zu freien.

Merke: Wer der Droge erliegt, verwechselt Liebe schon einmal mit Besitzerstolz. Denn Minna, wie später Amalie (beide: Teresa Weißbach), gleicht den flotten Puppen aufs blonde Haupthaar genau.

So weit, so leicht verständlich. Weil aber das Burgtheater verschiedenste Publikumsschichten bedienen muss, rümpelt Stefan Bachmann, nach Kräften unterstützt von Bühnenbildnerin Barbara Ehnes, unterschiedlichste Stilelemente auf die ausladende Bühne. Hier Glamourtreppe, Gummipuppen und flotte Anzüge mit Bergpanorama-Design, da Lodenwams und Gstanzln zur Original-Musik von Konradin Kreutzer.

Die Berghöhle der guten Fee Cheristane entpuppt sich (Interpretation! Sigmund, hilf!) als rotgewölbter Leibesinnenraum, angesiedelt im topografischen Nirgendwo zwischen Vagina und Herzkammer.

Jene ästhetische Weisheit, die bereits vor einem halben Jahrhundert, als Theodor W. Adorno sie niederschrieb, nicht mehr taufrisch war: dass Form nämlich ausnahmslos als sedimentierter Inhalt zu begreifen sei, scheint in die plüschigen Innenräume des Burgtheaters bis heute nicht eingesickert zu sein.

Liest man die derzeitigen Inszenierungen der Wiener Bühnen, in ihrer zumeist unhinterfragten Übernahme eines Formenkanons aus dem 19. Jahrhundert, sanft eingebettet in Guckkastenbühne, Samtplüsch und Ranghierarchie, mit nur einem halb wachen Adorno’schen Auge, das zweite bereits großzügig zugedrückt, quält das blanke Entsetzen ob solch restaurativen Kulturbegriffs derart erbarmungslos, dass man den kritischen Blick schnell wieder in der tiefsten aller Schubladen verstaut und verschließt.

Desto schlimmer, wenn eine Inszenierung, die vorgibt, kritisch zu sein, ihn arglistig daraus hervorlockt. Verzweiflungswürdiger als der pure, rückwärts gewandte Konservativismus in der Kunst ist nur noch jene grell auf jung geschminkte Haltung, die ihr unreflektiertes Einverständnis mit bestehenden Konventionen hinter der Pappmaske der Wildheit verbirgt.

Verbirgt auch vor sich selbst. Wer gibt bei der morgendlichen Begegnung im Spiegel schon gern zu, dass auch er längst Teil ist jener (denk)starren Strukturen, die zu kritisieren doch irgendwie schicker war, gestern Abend.

Fragt sich, ob jenem von sich selbst verstörten Schein nicht reiner Konservativismus vorzuziehen wäre. Karl Moik ins Burgtheater, und Inszenierungen auf die Bühne, wie wir sie aus den Schwarz-Weiß-Bildern alter Fernsehaufzeichnungen kennen: Ordentliche Frisuren, klare Aussprache, adrette Kleidung, gemessene Gesten, dezentes Pathos am richtigen Ort. Und hin und wieder ein Rauhaardackel an der Leine.

In regelmäßigen Abständen sorgt Christoph Schlingensiefs kluger Anarchismus für die nötige Alibi-Diskussion – das Publikum hat seinen Frieden und kummerlos schlummert die Kuh im Stall.

(Cornelia Niedermeier/Der Standard, 19. September 2005)

Unterm Dirndl wird gejodelt

Raimunds „Verschwender" – eine Modernisierung, originell, halb geglückt.

Wie soll man heute Raimund in szenieren? Das Original Wiener Zaubermärchen – Aufzeichnun gen aus alter Zeit mit Josef Meinrad lassen es ahnen – wirkt bei allem Charme schon leicht verwittert. Ohne Zauber aber geht es nicht. An seine Stelle setzte Helmut Wiesner (Gruppe 80) den Traum. Im Sommertheater (Gutenstein) huldigt man noch der ursprünglichen Romantik.

Das Burgtheater versuchte, sich für seine Jubiläumsproduktion – vor 50 Jahren wurde das Haus am Ring wieder eröffnet – etwas Besonderes einfallen zu lassen. Der bald 40jährige einstige „Wilde" Stefan Bachmann inszenierte den „Verschwender". Der Ankündigungs-Text ließ eine radikale Aktualisierung (Sex, Drugs & Rock’n Roll) erwarten.

So arg kommt es dann doch nicht. Das Bühnenbild ist eine Art Pyramide (Bühne: Barbara Ehnes). Sie birgt eine Höhle, sakrale Bögen. Außen sind Stiegen, eine liebliche Landschaft erscheint als Projektion. Man hat den Eindruck, dass die Figuren in ihr schweben . . . Das Ding macht raffinierten Effekt, speziell wenn die Schauspieler waghalsig auf dem Kunst-Gebirge herum kraxeln. Sie singen auch, perfekt im Stile Marthalers. Er brachte dem Theater bei, dass Volksmusik nichts mit Kitsch, Dilettantismus zu tun hat. Im Orchestergraben waltet Elisabeth Attl mit präzisen Tempi. Musiker und Mimen folgen meist perfekt.

In den ersten beiden Akten spielen Cornelius Obonya und Regina Fritsch das Paar Valentin und Rosa. Der treuherzige Tischler ist die Paraderolle des Stücks. Obonya überzeugt ohne Getue, fast minimalistisch. Fritsch spielt souverän wie stets die Kratzbürste. Michael Wittenborn, hörbar bundesdeutsch – was passt, kommen doch jetzt viele Deutsche nach Österreich, um zu arbeiten -, wirkt als intriganter Kammerdiener Wolf mehr wie ein Schloss-Manager.

Auch das ist stimmig. Christian Nickel, der in der „Faust"-Inszenierung von Peter Stein den jungen Faust spielte, ist noch immer eine attraktive Sprechmaschine. Im Programmheft findet sich ein Aufsatz über Helmut Berger. Von diesem Exzentriker ist Nickels Flottwell himmelweit entfernt. Immerhin artikuliert er, anders als andere, klar und deutlich, wohl auch für den Rang. Flottwells Kumpane treiben es mit Sexpuppen, ein geschmackloser Einfall, der ziemlich breit getreten wird. Indes, es ist auch etwas Richtiges dran an dieser befremdlichen Idee: Flottwell liebt die Fee Cheristane, die sich in das Bauernmädchen Minna verwandelt hat; in diesem Bild verbinden sich Überirdisches und Naivität. Flottwell kann von der Fee nicht lassen. Nachdem sie fort geflogen ist – in jeder Hinsicht schwer versehrt von den Prüfungen ihres Erdendaseins -, vergnügt sich Flottwell mit einer als Minna verkleideten Sex-Puppe. Hernach entführt er das Mädchen aus gutem Hause, Amalie, ein Girlie im Schwanen-Kostüm, und steckt diese in Minnas Dirndl. Ein klarer Fall von unheilbarer Obsession.

Teresa Weißbach, blond und zart, spielt Cheristane/Minna und Amalie. Sie ist nicht nur hübsch, sondern zeigt auch Seele als Fee und bockige Frechheit als Püppchen, das dem leidgeprüften Präsidenten-Papa (Peter Wolfsberger) ordentlich einheizt, weil es sich der Ehe mit dem faden Baron Flitterstein (Denis Petkovic) widersetzt. Am Ende steht der Tod, nicht wie bei Raimund die Tröstung durch frisches Geld von oben und menschliche Wärme (Valentin). Im dritten Akt, 20 Jahre später, sind die Rollen vertauscht. Branko Samarovski singt wenig engagiert als alter Tischler das Hobellied.

Er und Kitty Speiser als verbitterte, sehr herbe Rosa symbolisieren den von schwacher Konjunktur und Arbeitslosigkeit ausgehöhlten Mittelstand. Den Supermarkt-Einkauf können sie sich gerade noch leisten. Als Kinder sitzen Obonya und Fritsch auf der Bank vor Valentins staatlichem Blockbohlen-Haus. Die zwei Nesthocker finden die versammelten Senioren inklusive des heimgekehrten Flottwell (Gerd Böckmann, vormals Azur) reichlich absonderlich, können sich aber vom Hotel Mama nicht lösen.

Ein Jahr hat der alte Flottwell noch zu leben, dafür reicht die Pension, die Geist Azur (nun Christian Nickel) beschaffte. Seine gute Fee wird der Verschwender im Jenseits wieder finden. Danach fällt jäh der Vorhang . . .

Kein Zauberspiel, kein augenzwinkerndes Märchen (geht eh' alles gut aus) ist hier zu erleben. Etwas unentschieden schwankt die Regie zwischen Emotion und Kühle. Einiges wirkt peinlich wie die knutschenden Männer oder der nuschelnde Chevalier Dumont mit Augenklappe. Die köstliche Szene mit dem alten Weib (Speiser) wurde verschenkt, Valentins witziges Jagdlied gar gestrichen. Insgesamt weist dieser Raimund aber doch einen Weg, wie man künftig wandern könnte – auf dem gerade bei diesem Dichter besonders schmalen Grad zwischen Tradition und Moderne. Die Aufführung wurde kurz, aber eifrig beklatscht. Missfallenskundgebungen blieben aus, überraschend bei dieser doch recht unkonventionellen Regie.

(Barbara Petsch, Die Presse, 19. September 2005)

Reichtum macht traurig

Verpatzter Start am Burgtheater mit Raimunds „Der Verschwender", inszeniert von Stefan Bachmann

Was machen junge Männer, wenn sie über schier unermessliche Reichtümer verfügen? Sie kaufen sich Frauen und feiern wilde Partys. Und wie es am Morgen danach aussieht, das fängt nun Regisseur Stefan Bachmann in seiner Inszenierung von Ferdinand Raimunds „Der Verschwender" mit aller Schärfe ein: Da ist eine lange Showtreppe, die beinahe die ganze Bühne des Burgtheaters einnimmt und auf deren Stufen Jünglinge ausgebreitet liegen.

Was für eine Tristesse! Alle liegen matt, schlapp und verkatert herum. Da stecken die Finger des einen noch im Schoß einer Schönen, ein anderer drückt einen blondgelockten Kopf auf sein Geschlecht, ein dritter wiederum verwechselt einen Frauenkörper mit einer Matratze. Die Frauen, an denen sich die jeunesse dorré in Designerklamotten (Kostüme: Annabelle Witt) so rüde vergreift, sind bei Bachmann aus Plastik; es sind Puppen aus dem Sex-Shop.

Die Fadesse und die Leere dieses sinnlosen Reichtums spürt man in den ersten Momenten des zweieinhalbstündigen Abends deutlich. Diese Intensität behält die Inszenierung aber nicht bei, sie wird immer behäbiger und langatmiger.

Das verwundert. Der Schweizer Regisseur ist eigentlich für sein kraftvolles Erzähltheater bekannt. Raimunds „Verschwender" ist nicht nur sein Debüt an der Burg, sondern seine erste Inszenierung nach einjähriger Arbeitspause und einer Weltreise, die sich der 39-Jährige nach fünf Jahren als erfolgreicher Leiter des Basler Theaters gegönnt hat.

Doch eines muss man Stefan Bachmann lassen: Er empfiehlt sich hier als Meister in Herzensangelegenheiten. Der Verschwender Julius von Flottwell (elegant-gelangweilt: Christian Nickel) liebt heimlich das Bauernmädchen Minna (Teresa Weißbach), die in Wahrheit aber eine Fee ist und nie mit ihm leben wird können. Das bricht Flottwell das Herz, er wird seine Minna nie vergessen.

Auch drei Jahre später, bereits im zweiten Akt, wenn er mit der reichen Amalie (Teresa Weißbach in einer Doppelrolle) durchbrennt, spricht er sie konsequent als Minna an und zieht ihr sogar das Dirndl der ehemaligen Geliebten an. Mit diesen Details gelingt es Stefan Bachmann, der sonst recht blassen Liebesgeschichte ein wenig Farbe zu verleihen.

Aber abgesehen vom subtilen Herzschmerz, bleiben einem die Figuren ziemlich fremd und fern. Das mag auch an der Bühne von Barbara Ehnes liegen: Die elegante Konstruktion besteht aus zwei Stufenaufgängen, einer ist strahlend weiß und wird auch mit Videos bespielt, der andere ist aus gleißendem Gold. Der dreieckige Raum zwischen den Stufen sieht aus wie eine organisch geformte, glühend rote Höhle. Doch das ewige Treppauf-Treppab fördert nicht gerade das Zusammenspiel.

Etwas an den Rand gedrängt wird dadurch auch das eigentlich ziemlich witzige Dienerpaar Valentin (Cornelius Obonya) und Rosa (Regina Fritsch), das zwar gekonnt wienerisch parliert, aber doch einige Pointen verschenkt. Das wird auch nicht viel besser, als Bachmann im dritten Akt, der 20 Jahre später spielt, die Hauptrollen neu und altersgemäß besetzt: Flottwell wird dann von Gerd Böckmann gespielt, Rosa von einer resoluten Kitty Speiser und als Valentin tritt ein etwas lustloser Branko Samarovski auf.

Das berühmte „Hobellied", das einst Josef Meinrad so herzhaft hinschmalzte, gibt er betont beiläufig. Aber dennoch lässt die Originalbühnenmusik von Konradin Kreutzer (Orchester der Wiener Staatsoper) den Abend noch ein wenig gediegener und altbackener wirken.

Offenbar wollte Bachmann eine relativ werktreue, nur behutsam modernisierte Klassikerinterpretation liefern. Doch nach einem starken Auftakt geht dem Abend bald die Luft aus und zum Schluss versammelt sich das ganze Ensemble noch einmal im Chor und singt: „Dulijä-Dulijö". Dann schon lieber Klassikerzertrümmerung!

(Petra Rathmanner, Wiener Zeitung, 19. September 2005)

Ein Märchen ohne Zauber

Stefan Bachmann vergeudet die Gelegenheit, Ferdinand Raimunds „Verschwender" am Burgtheater als heute relevantes Theaterstück zu inszenieren.

Es dürfte das ödeste „Hobellied" gewesen sein, das das Publikum des Burgtheaters je zu sehen und zu hören bekommen hat. Dabei singt dieses Couplet über Glück und Gerechtigkeit ein fulminanter Schauspieler, Branko Samarovski, und er gibt dabei nicht sein Schlechtestes. Als Tischler Valentin in Ferdinand Raimunds „Der Verschwender" – Premiere war am Freitag – geht er vor einer dreieckigen Blockhaustapete auf und ab, die Fenster erinnern an ein Fertigteilhaus. Seine Kinder – in Raimunds Stück freche, lebensfrohe Geschöpfe – sind zwei stumpfsinnig Pubertierende, die dreinschauen, als glotzten sie in einen Fernseher. Kitty Speiser muss als Ehefrau eine uneinsichtige Despotin spielen, die aus dem Supermarkt abgepackte Äpfel heimbringt. Valentin ist der Familiendepp und nicht – wie bei Raimund – ein Vater, der mit Herzlichkeit und Beharrlichkeit die Oberhand behält.

Wie heißt es da im Stück? „Wenn man solche Sachen erlebt, da wird man am Glück völlig irre. Was nutzt das alles! Der Mensch denkt, der Himmel lenkt." Nein, selbst der Himmel hat da keine Gnade mehr, wenn der Regisseur derart versagt.

Stefan Bachmann, bis 2003 Intendant des Theaters Basel und danach auf Weltreise, hat zu Beginn der Jubiläumsspielzeit des Burgtheaters – 50 Jahre nach dessen Wiederöffnung nach dem Zweiten Weltkrieg – Ferdinand Raimunds Zaubermärchen inszeniert. Dieses erzählt vom verschwenderischen Herrn von Flottwell, der seinen Reichtum einer Fee verdankt, die sich in ihn verschaut hat. Als deren letzte Perle vergeben ist, geht es mit Flottwell bergab, er verliert seine einst mit neureicher Prahlerei eroberte Frau Amalie samt Kind und im Spiel sein Vermögen. Als Bettler kehrt er heim, sein Schloss hat der korrupte Kammerdiener bezogen. Einzig gütiger Helfer ist sein einstiger Diener und nun Tischler, Valentin. Zudem kommt Rettung aus dem Zauberreich: Ein Bettler hat gesammelt, was Flottwell als Reicher ihm einst geschenkt hatte, und gibt dies dem Verarmten als zweites Startkapital zurück.

Dies ist eines jener Theaterstücke, die 1955 den Neubeginn der Republik Österreich symbolisieren sollten. Ebenfalls im Jahr des Staatsvertrages wurde Grillparzers „König Ottokar" am Burgtheater aufgeführt. Den daraus filtrierten Mythos „Wir sind die siegreichen Habsburger!" hat Regisseur Martin Kušej in seiner Salzburger Festspielinszenierung zerschlagen, die ab Oktober im Burgtheater gespielt wird. Stefan Bachmann hingegen kommt dem Klischee des genügsamen, fleißigen Tischlers Valentin, einst in fremdem Dienst, nun arm, doch selbstständig, nicht einmal nahe.

Seine Inszenierung ist so schal, dass nicht einmal Raimunds schillernder, schwungvoller Text sie rettet. Ein Teil dieser Malaise ist das Bühnenbild von Barbara Ehnes, ein etwa fünf Meter hoher, bühnenbreiter Keil, dessen Längsseiten zwei hohe Stiegen sind; nach den ersten Szenen wird das Auf- und Abklettern der Schauspieler langweilig. Auf der einen Querseite ist eine rötlich-fleischfarbene Grotte, die eher an eine Gummizelle als an ein Feenversteck erinnert. Das Bühnenorchester der Wiener Staatsoper spielt, dirigiert von Elisabeth Attl, lau und in störrischen Tempi.

Wenn am Schluss das Ensemble dasteht und singt: „Dudeldide, dudeldide, (...) für heut ist beendet ein jeder Verdruss. (...) Dudeldide, dudeldide! Zufrieden muss man sein", ist das nicht einmal witzig.

Dabei hätte der Abend nicht so schlecht begonnen. Vor den schwarzen Samtvorhang treten Regina Fritsch und Cornelius Obonya als Dienstboten des Herrn von Flottwell. Welch prächtig-komisches Duett im Wiener Dialekt, in dem die beiden ihre Langeweile und Renitenz im Dienst eines offenbar dekandenten Herrn kundtun!

Das erste Bild zeigt, was sich heutzutage im Hause eines hyperreichen Verschwenders abspielen könnte: Fadisierte Männer sind Alkohol und Prostituierten – dargestellt von Puppen in obszönen Positionen – verfallen. Jeder Schluck des exquisiten Rotweins, den sie vormittags trinken, rinnt wie Blut aus ihren Mündern. Der Kammerdiener ist als Intrigant zu erkennen, da er dauernd am Mobiltelefon fingert.

Trotz der vielen beachtlichen Schauspieler gelingt es Stefan Bachmann nicht, in diese unverbrämte Dekadenz, in der menschliche Beziehungen nur über Geld oder Erotik funktionieren, etwas Wundersames und Liebevolles zu injizieren und das zauberhafte Wechselspiel zwischen Feen- und Menschenwelt erahnen zu lassen.

(Hedwig Kainberger, Salzburger Nachrichten, 19. September 2005)

Biedermeier in Unterhosen

Raimunds „Verschwender“ in Wien

Die goldene Treppe rauf, und der Sisyphos des Geldes kommt oben mit leeren Taschen an. Reich sein ist auch kein Vergnügen, will uns Ferdinand Raimund mit seinem „Verschwender“ sagen. Das Wiener Burgtheater hebt den Biedermeierdichter ins Programm, weil das Stück vor genau fünfzig Jahren schon einmal dort gelaufen ist. Die Auszeit des Regisseurs Stefan Bachmann war kürzer; mit dieser Regiearbeit findet er in die Theaterszene zurück und erstmals ans Burgtheater.

Ferdinand Raimunds „Original-Zaubermärchen“, 1834 uraufgeführt, erzählt eine lähmend einfache Geschichte. Von Feen begünstigt, lebt Julius von Flottwell in enormem Reichtum. Gut und Geld verschwendet er titelgemäss in kurzer Zeit. Als Bettler kehrt er zu seinem Schloss zurück, das sich die ehemaligen Hofschranzen unter den Nagel gerissen haben. Bei Valentin und Rosa, dem loyalen alten Dienerehepaar, findet er Unterschlupf. So kann’s gehen. Der reiche Herr ein armer Hund, und die Verhältnisse im berühmten „Hobellied“ zusammengefasst: Das Schicksal hobelt’s alle gleich. Raimunds biedermeierlicher Theatertrost lässt sich nicht bis in die Gegenwart auswalzen. An Zauberei glaubt bestenfalls die Lottofee, und die moralische Erhabenheit tröstet keinen Arbeitslosen über seinen sozialen Abstieg.

Eine symbolische Treppe stellt Barbara Ehnes auf die Bühne. Das ist auch schon der Höhepunkt des Abends. Hoch sind die Stufen, und tief ist der Fall. Von der goldenen Showtreppe des Reichtums geht’s hinunter in den Keller. Ganz unten ist von Flottwell zwanzig Jahre später. Ein Bettler mit speckigem Sakko. Aus Raimunds Biedermeiernummer kommt Stefan Bachmann nicht raus. Nichts rettet Raimund, auch nicht die zaghaften Versuche der Travestie. Ziemlich brav sagen die Schauspieler den Text auf und versuchen verzweifelt, heutig zu wirken. Ein langweilig glatter Christian Nickel spielt den Julius von Flottwell im bunten Schabrackenanzug. Mit reichlich Schmuck behängt, ist er die spendable Freude einer Hedonistenclique in Unterhosen. Weil Bachmanns „Verschwender“ sonst nicht viel ist, ist er ein bissel Reichen-Porno mit gefühlsechten Gummipuppen. Die Fee Cheristane (Teresa Weissbach) ist die Dirndlfassung schüchterner Verführung; ihre Feengrotte im multifunktionalen Bühnenbild eine Art Deep Throat aus Plastic. Ähnlich steril bei Bachmann die Raserei der Liebe: Die Fee verschwindet in ihr Reich, weshalb es Flottwell nicht gelingt, die Fee zu minnen. Also sind alle Frauen für ihn Minna.

Und die Musik spielt dazu. Reichlich Ouverture, bevor der Vorhang sich hebt; dann wird geschrummt, was die Streicher halten. „Holla ho! Holla ho! Weidgesellen froh!“ Vor einer Holzhütte singt der alte Valentin (Branko Samarovski) das berühmte „Hobellied“. Er tut das ohne Ironie, und das Stück wird zum grossen Heurigen des Einverständnisses. Raimunds Happy End immerhin, bei dem der gnädige Herr Unterschlupf bei seinen ehemals Bedienten findet, wurde in Wien gestrichen. So viel Sozialpartnerschaft wäre dann doch zu klebrig gewesen. Trotzdem hat der Chor am Ende das Schlusswort: „Dudeldide, dudeldide! Zufrieden muss man sein.“ Ist man aber nicht.

(Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung, 23. September 2005)

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