Ferdinand Raimund
Der Barometermacher auf der Zauberinsel

Inhalt

Personen: Fee Rosalinde; Lidi, erste Nymphe; Tutu, Beherrscher einer Zauberinsel; Zoraide, seine Tochter; Linda, ihre Kammerzofe; Hassar, Tutus Leibdiener; Bartholomäus Quecksilber, [ein] Barometermacher aus Wien, [Zunko, Anführer von Tutus Leibwache]; der Leibarzt von Tutu; Zadi, ein Waldbewohner; ein Anführer der Zauberarmee [Zwergenarmee]; erster, [zweiter] Matrose; erster, zweiter, dritter, vierter Zwerg [erster kleiner Husar]; erste, zweite, dritte, [vierte] Amazone; [sechs] Amazonen; Nymphen; [ein Sklave]; Tutus Dienerschaft; Volk; Soldaten der Zauberarmee; [drei] Genien: [Stimmen (Schärpe, Horn, Stab); kleine Husaren: Sklaven und Sklavinnen: Tänzer und Tänzerinnen; eine Wache].

1. Aufzug

Feenpalast. – Ein Spruch des Schicksals zwingt die Fee Rosalinde dazu, alle 100 Jahre einem Menschen Zaubergaben zu verleihen. Da jedoch alle Sterblichen diese Gabe bisher mißbraucht haben, fällt die Auswahl eines geeigneten Menschen schwer. Die Nymphe Lidi rät ihr, den Zufall entscheiden zu lassen. Wer sich als erster in der Nähe des Aufbewahrungsortes der Zaubergaben befindet, soll diese erhalten.

Auf diese Weise fällt die Wahl auf den Bankrott gegangenen Barometermacher Quecksilber, der im „Lexikon der Menschheit” als, „von lustigem Humor” beschrieben wird.

Melodram Fee I 1 („Horn, Stab und Schärpe soll er finden […]”).

Arie Quecksilber I 2 („Was braucht man Barometer / Auf diese Welt noch mehr? […]”).

In seinen Geschäften glück- und erfolglos geblieben, hat es Quecksilber nach einem Schiffbruch auf die Zauberinsel verschlagen Dort übergibt ihm Lidi im Auftrag der Fee Rosalinde die Zaubergaben: einen Stab, der alles in Gold verwandelt, was man mit ihm berührt, ein Horn, das Soldaten herbeiruft, und eine Binde, die ihren Besitzer an jeden gewünschten Ort versetzen kann. Lidi ermahnt Quecksilber, die Gaben gut zu bewahren. Sollte er sie verlieren, müßte er sie aus eigener Kraft wiedergewinnen.

Die Matrosen sind glücklich mit einem kleinen Boot auf die Insel gelangt. Zunächst verhöhnen sie Quecksilber, doch als dieser ihr Boot mit einem Wink seines Stabes in ein goldenes Schiff verwandelt, fallen sie vor ihm auf die Knie. Quecksilber nimmt sie in seine Dienste. Der erste Matrose berichtet Quecksilber, daß es Fremden nur selten gelingt, heil auf der Insel zu landen. An der Ostküste soll sich ein mächtiges Reich befinden, beherrscht von einem Fürsten mit einer angeblich schönen und klugen Tochter. Quecksilber beschließt, an der Küste der Insel entlangzusegeln, bis er Menschen entdeckt, und sich dort als Prinz [GS (= Glossy/Sauer): Fürst] Maikäfer auszugeben.

Zoraide hält sich für die schönste Frau der Insel und duldet keine anderen Schönheiten neben sich. Sie glaubt, alle Männer lägen ihr zu Füßen. Hassar amüsiert sich darüber, daß ein fremder Mann gelandet ist, der wünscht, Zoraide zu heiraten. Tutu wäre froh, wenn Zoraide einen Mann nähme. Ihm ist es am liebsten, wenn er sich „schlafend […] beschäftigen” kann. Zoraide ist vor allem am Reichtum des Fremden interessiert.

Arie [GS: Lied] Linda I 8 („Ein wenig d’Männer schoppen, / Das ist schon recht! […]“) [GS: Lied: „O wär ich Prinzessin heut an Deiner Stell’ […]] – Chor Volk und Bediente I 9.

Tutu, Zoraide und Hassar erwarten den Fremden, der auf seinem Weg mit Dukaten um sich wirft.

Arie Quecksilber I 11 („Ich besitze viel tausend Millionen […] Im Osterreicher-Landel / Da bin ich zu Haus […]”).

Quecksilber hält um Zoraides Hand an. Drei Eigenschaften verlangt Zoraide von einem Mann, der als Bräutigam in Frage käme: „Geistig – wie Jamaika-Rum – reich wie ein Inka von Peru – und schön, wie der [ein] griechische[r] Adonis [GS: deutsche Alcibiadas]”. Zum Beweis seines Reichtums verwandelt Quecksilber mit Hilfe seines Zauberstabes Teile von Tutus Palast in Gold und Silber. Im Stillen beschließt Zoraide, den Stab an sich zu bringen. Zum Schein willigt sie in die Hochzeit ein. Da Linda Gefallen an Quecksilber hat, will sie ihn vor Zoraide warnen. Unter einem Vorwand versucht Linda, Zoraide fortzuschicken, die mit Quecksilber vor dem Palast spricht, doch Zoraide nutzt die Situation für sich. Scheinbar grundlos beschimpft sie ihr Kammermädchen. Als dieses von Quecksilber in Schutz genommen wird, scheint Zoraide in eine Ohnmacht zu fallen. Linda, die ihr zu Hilfe eilen will, wird schroff abgewiesen. Eilig flieht Linda vor ihrer wütenden Herrin. In diesem Moment entreißt Zoraide Quecksilber seinen Stab und eilt Linda nach. Quecksilber will ihr folgen, scheitert jedoch an dem verschlossenen Tor, an dem die Wache ihn abweist und ihm von der Prinzessin ausrichtet, sie sei mit ihrem Vater zu ihrer Lieblingsinsel gesegelt und Quecksilber solle sich aus dem Staub machen, ansonsten werde man Tiger auf ihn hetzen.
Nun erkennt Quecksilber den Betrug. Mit Hilfe seines Horns ruft er eine Schar von Soldaten herbei. Es erscheint eine Leibgarde aus Zwergenhusaren. Nach kurzer Verwunderung befiehlt er ihnen, das Schloß zu stürmen. Zoraide und Tutu werden gefangengenommen. Am Ende bildet sich ein Tableau, mit Quecksilber als Sieger, und im Himmel zeigt sich die Göttin des Krieges [GS: Lidi als Kriegerin], eingerahmt von vier Genien.

2. Aufzug

Chor II 1. – In einem Streit mit Tutu wirft Quecksilber dem Fürsten vor, Zoraide habe ihm den Stab gestohlen. Tutu trage dafür die Schuld, denn er habe seine Tochter schlecht erzogen. Quecksilber will Zoraide nicht mehr heiraten. Tutu seinerseits wirft Quecksilber vor, ungefragt auf die Insel gekommen zu sein, weshalb der Verlust des Stabes Quecksilbers eigene Schuld sei. Außerdem habe er Zoraides Eifersucht geweckt, well er dem Stubenmädchen zugezwinkert habe.

Zoraide ihrerseits behauptet, alles sei ein Mißverständnis gewesen. Sie gibt Quecksilber seinen Stab wieder. Daraufhin zeigt Quecksilber sich friedfertig und läßt seine Zauberarmee zum Rückzug blasen unter dem Hinweis, sie zur Not wieder herbeirufen zu können. Bei dieser Gelegenheit bemerkt Zoraide das Horn und beschließt, es an sich zu bringen.

Quecksilber will die Insel verlassen. Zoraide bittet ihn zwar inständig zu bleiben, doch Quecksilber will mit der falschen Person nichts mehr zu tun haben. Schließlich sinkt Zoraide ohnmächtig in Quecksilbers Arme, und dieser versichert sogleich, doch bei ihr zu bleiben. Allerdings gibt die Prinzessin zu bedenken, daß ihr Vater noch zornig sein könnte, und Quecksilber verspricht, in diesem Falle seine Zauberarmee zu Hilfe zu rufen. Zur Probe darf Zoraide einmal in das Horn blasen. Es erscheinen sechs Amazonen. Zoraide befiehlt ihnen, sie vor Quecksilber zu beschützen, und flieht mit dem Horn. Die Amazonen bedrohen Quecksilber mit ihren Lanzen, woraufhin dieser zu Boden stürzt. So findet ihn Linda. Sie gesteht ihm ihre Zuneigung, doch Quecksilber hat zunächst kein Ohr für das Stubenmädchen. Später findet er sie allerdings auch sehr anziehend. Linda verspricht ihm ihre Treue, wenn er sie heiratet. Quecksilber willigt ein, will sich aber dennoch an Zoraide rächen. Er bittet Linda, alle Männer des Palastes zusammenzurufen. Er will ihnen große Reichtümer geben, wenn sie ihm helfen, mit List oder Gewalt sein Horn zurückzuerobern. Freudig läuft Linda davon.

Chor mit Linda und Quecksilber II 9 („O Freunde, folget nur, / Ihr seid auf goldner Spur![…]“) Diener und einige Männer aus Tutus Gefolge schwören Quecksilber die Treue, wenn er ihnen sofort einige Reichtümer verschafft. Quecksilber wedelt mit seinem Zauberstab, doch es geschieht nichts. Er stellt fest, daß der Stab vertauscht worden ist, und bricht ihn in Stücke. Hohnlachend verlassen ihn die Diener.

Linda versucht, Quecksilber zu trösten, doch er ist verzweifelt. Er will sein goldenes Schiff versetzen, um Geld für die Heimreise zu bekommen. Als er Linda von der Binde erzählt, mit der er sich an jeden beliebigen Ort wünschen kann, schlägt sie vor, daß Quecksilber sich in Zoraides Zimmer wünscht, während diese schläft. Dort solle er die Prinzessin bedrohen, so daß sie ihm das Horn und den rechten Stab zurückgibt. Hassar hat jedoch das Gespräch belauscht.

Duett Quecksilber, Linda II 10 („O liebes Madel, schau mich an […]”): Beide malen sich ein Leben in Reichtum aus, das sie führen wollen, nachdem sie um die ganze Welt gereist sind.

Hassar verrät Zoraide den Plan Quecksilbers und Lindas. Diese ist erbost über den Undank ihres Kammermädchens, während Hassar eifersüchtig auf Quecksilber ist.

Auf einem Hahn kommt Quecksilber in Zoraides Zimmer geflogen, während sich die Prinzessin schlafend gibt. Quecksilber spricht sie an und fordert seinen Stab und das Horn. Doch Zoraide bedroht ihn mit einem Dolch. Es kommt zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf Zoraide die Zauberbinde an sich bringen kann. In diesem Moment ruft sie die Wache, die Quecksilber ergreift. Er kann sich jedoch losreißen und durch das Fenster fliehen.

Tutu, der von sich sagt, „ich bin [halt] am lustigsten wann ich schlaf”, beschwert sich über den Lärm. Stolz berichtet Zoraide von ihrem Erfolg. Zur Feier des Tages soll es ein großes Freudenfest geben.

Quecksilber hat sich unter einen Feigenbaum gerettet. Weil er Hunger hat, ißt er eine Menge Feigen, muß jedoch feststellen, daß seine Nase davon zu wachsen beginnt. Als er an eine benachbarte Hütte klopft, um einen Spiegel zu bekommen, macht er die Bekanntschaft von Zadi, dem Menschenfeind, der allerdings über Quecksilbers Nase laut lachen muß. Er bewohnt dieses Zaubertal ganz alleine, [GS: fehlt:] und seit hundert Jahren hat sich kein Mensch mehr hierher getraut. In diesem Moment kommt Linda herbeigelaufen, doch als sie Quecksilbers Nase sieht, will sie nichts mehr von ihm wissen. Zadi verrät Quecksilber, daß er die Nase mit einem Schluck aus der Quelle wieder loswird, und tatsächlich verhilft das Wasser Quecksilber zu seinem ursprünglichen Aussehen. Linda und Quecksilber sind überglücklich. Linda schlägt vor, Geld zu verdienen, indem sie den Leuten Feigen verkauft und Quecksilber sie anschließend mit dem Wasser kuriert. Das bringt Quecksilber auf eine Idee. Er bittet Zadi um einen Korb Feigen und eine Flasche mit Quellwasser. Linda soll die Feigen auf das Fest bringen und Tutu und seiner Tochter anbieten. Anschließend soll sie Quecksilber als Wunderdoktor holen, und dieser wird sie beide gegen Rückgabe der Zaubergaben kurieren.

Arie Quecksilber II 19 („In der Welt ist's recht schön […]”).

Chor II 20.– Zoraide läßt sich vom Volk feiern. Wie immer versäumt sie keine Gelegenheit, auf ihre Schönheit und ihre Klugheit hinzuweisen. Linda erzählt Hassar, sie bereue die Liebe zu Quecksilber und wolle mit den Feigen die Gunst von Tutu und Zoraide zurückgewinnen. Hassar verspricht, den beiden die Feigen zu bringen. Allerdings nimmt er für sich selbst zwei zur Seite und behauptet, er selbst habe die schönen Früchte für den König und seine Tochter gepflückt.

Als Zoraide ihre große Nase bemerkt, fällt sie vor dem Spiegel in Ohnmacht. Anfänglich ist Tutu über die Nase sehr amüsiert. Erst als er seine eigene große Nase bemerkt, läßt er sofort alle Ärzte der Insel zusammenrufen. Doch der Leibarzt erklärt, er sei gegen diese Laune der Natur machtlos. Hassar stürzt herbei. Als die anderen ihn darauf aufmerksam machen, bemerkt auch er seine große Nase. Allerdings kann er die Anwesenheit eines Wunderdoktors melden, der sofort hereingerufen wird.

Quecksilber – verkleidet – erscheint mit einem Kästchen. Nach langem Hin und Herreden verabreicht er Tutu etwas Quellwasser, und sofort verschwindet die Nase. Auch Zoraide reicht er Wasser, doch die Nase bleibt. Die Prinzessin fleht ihn um Hilfe an. Quecksilber mutmaßt, daß sie über Zaubergaben verfügt, die seiner Macht entgegenwirken. Diese Dinge müsse sie zuerst verschenken, bevor er ihr helfen könne. Nach einigem Sträuben verspricht Zoraide dem Doktor die Zaubergaben und läßt sie auf den Boden legen. Schnell ergreift Quecksilber die Gaben, wirft seine Maske ab und bläst in sein Horn. Zoraide läßt er mit ihrer großen Nase zurück. Wütend schwört die Prinzessin Rache, während Quecksilber seine Linda glücklich in die Arme schließt. Tutu will sich wieder um gute Freundschaft mit dem Barometermacher bemühen. Dem unterwürfigen Hassar überläßt Quecksilber die Reste des Quellwassers.

Schlußgesang II 27 („Man muß stets lustig sein / Und sich des Lebens freun! […]” Refrain: „Hab ich nicht recht? / Nu, wenn S' erlaubn!”).

Aus ‹Ferdinand Raimund, der Theatermacher an der Wien›
von Jürgen Hein und Claudia Meyer, Verlag Lehner

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