Ferdinand Raimund
Das Mädchen aus der Feenwelt
oder Der Bauer als Millionär

Inhalt

Personen: Lakrimosa, eine mächtige Fee, verbannt auf ihr Wolkenschloß; Antimonia, die Fee der Widerwärtigkeit; Borax, ihr Sohn; Bustorius, Zauberer aus Warasdin; Ajaxerle, Lakrimosens Vetter und Magier aus Donaueschingen; Zenobius, Haushofmeister und Vertrauter der Fee Lakrimosa; Selima, Zulma, Feen aus der Türkei; Hymen; Amor; die Zufriedenheit; die Jugend; das [hohe] Alter; der Neid, der Haß, Milchbrüder; [Compagnons und Großhändler im Geisterreiche]; Lira, die Nymphe von Karlsbad; Illi, Briefbote im Geisterreiche; Tophan, [Sekretär] Kammerdiener des Hasses; Nigowitz, ein Genius [dienstbarer Geist] des Hasses; ein Triton, erste und zweite Furie, alle Tonkünstler; eine geistige Wache; ein Satyr; der Morgen; der Abend; die Nacht; der Blödsinn; neun Geister als Wächter des Zauberringes; Geister der Nacht; Zauberer; Feen; ein Genius als Laternbube; ein Bedienter des Bustorius; ein Diener der Fee Lakrimosa; Fortunatus Wurzel, ehemals Waldbauer, jetzt Millionär; Lottchen, seine Ziehtochter; Lorenz, ehemals Kuhhirte bei Wurzel, jetzt dessen erster Kammerdiener; Habakuk, Bedienter bei Wurzel; Karl Schilf, ein armer Fischer; Musensohn, Schmeichelfeld, Afterling, Wurzels Zechbrüder; ein Schlosser[geselle]; ein Schreiner [Tischler]; mehrere Bediente bei Wurzel; Gesellen; Volk; [ein Fiaker; die Trägheit; mehrere andere allegorische Figuren im Geisterreiche; ein Genius an der Quelle der Zufriedenheit; sechs Pagen und sechs Mädchen; ein Papagei; Genien, Geister, Furien und Diener des Hasses].
Die Handlung beginnt am Morgen des ersten Tages und endigt am Abende des zweiten. Sie spielt teils im Feenreiche, teils auf der Erde.

1. Aufzug

Chor I 1. – Lakrimosa hat alle ihre Freunde auf ihr Schloß geladen, weil sie ihre Hilfe braucht. Vor 18 Jahren hatte sie sich in den Direktor einer Seiltänzer-Gesellschaft verliebt und ihn geheiratet. Nach zwei glücklichen Ehejahren fiel ihr Gemahl vom Seil und starb. Mit ihrem zwei Jahre alten Mädchen kehrte Lakrimosa ins Feenreich zurück. Das Mädchen ließ sie in Pracht und Reichtum aufwachsen und schwor, sie nur mit dem Sohn der Feenkönigin zu verheiraten. Damit zog sie sich den Zorn der Königin der Geister zu. Diese bestimmte, daß das Mädchen auf der Erde in Armut leben müsse und nur, wenn sie vor ihrem 18. Lebensjahr einen armen Mann heirate, ihre Mutter aus deren Wolkenschloß erlösen könne, auf das diese solange verbannt bliebe. Nach der Hochzeit dürfe Lakrimosa ihre Tochter in bescheidenen Wohlstand versetzen. Im anderen Falle wäre die Tochter für die Mutter auf immer verloren. Als altes Weib verkleidet übergab Lakrimosa daraufhin ihre Tochter dem armen Bauern Fortunatus Wurzel und versprach ihm eine reiche Belohnung am Tag der Hochzeit des Mädchens, wenn er das Kind gut erziehe und mit einem armen Jungen verheirate. 14 Jahre lang hat Wurzel treu den Auftrag erfüllt, doch vor zwei [GS (= Glossy/Sauer): drei] Jahren fand er einen Schatz. Well sie ihn abwies, versucht der Neid auf diese Weise, sich an Lakrimosa zu rächen. Seitdem er reich ist, lebt Wurzel ein neues Leben in der Stadt und verlangt von seiner Ziehtochter Lottchen, einen reichen Freier zu heiraten, obwohl ihr Herz dem armen Fischer Karl gehört. Um Mitternacht des nächsten Tages [GS: in zweimal sieben Tagen] wird Lottchen 18 Jahre alt werden, und sollte sie bis dahin nicht des Fischers Frau sein, verlöre ihre Mutter sie auf immer. Da sie selbst nichts unternehmen darf, bittet Lakrimosa alle Anwesenden um Hilfe. Gerne sind die Geister, Magier und allegorischen Figuren dazu bereit und machen sich sofort auf den Weg.

Lottchen ist zutiefst betrübt über Wurzels Verwandlung. Sie sehnt sich nach den einfachen Zeiten und will Wurzel, den sie für ihren Vater hält, bitten, sich von dem Geld zu trennen. Doch Wurzel will Lottchen nicht sehen. Er hatte ihr stets erzählt, ihre Mutter sei nach der Geburt gestorben und sie sein einziges Kind, doch vom Diener Lorenz erfährt sie, daß Wurzel gar nicht ihr Vater ist und ihre Mutter ein altes Bettelweib war. Lottchen ist verzweifelt.

Arie Wurzel I 7 („Ja, ich lob mir die Stadt, / Wo nur Freuden man hat! […]“).

Im Vertrauen erzählt Wurzel Lorenz, wie er seinerzeit das viele Geld bekommen hat: Eines Tages war ihm auf dem Heimweg von seinem Acker ein Mann begegnet, der sich als der Neid vorstellte und ihm erzählte, er habe einen Schatz, den er loswerden wolle. Er gäbe ihn dem armen Wurzel, wenn dieser damit in die Stadt ziehe und ein Leben in Saus und Braus führe. Vor allem das Mädchen solle er herausputzen und dafür sorgen, daß sie auf keinen Fall den armen Fischer heirate. Niemals aber dürfe er sein Glück verwünschen, denn dann verlöre er alles und müsse als Bettler leben. Zu Hause hatte Wurzel den Schatz in lauter Galläpfeln versteckt gefunden.

Arie Wurzel I 8 („Die Menschheit sitzt um bill’gen Preis / Auf Erd an einer Tafel nur […]“).

Auf dem Markt spricht Ajaxerle Karl an und behauptet, er solle ihn zu Lottchen bringen. Dort wird schnell deutlich, daß dies nicht der Wahrheit entspricht, doch zur großen Freude der beiden verspricht Ajaxerle, sie glücklich zu machen. Der Vater werde schon einwilligen und binnen zwei Tagen [GS: drei Wochen] sei Hochzeit. Lottchen ist außer sich vor Freude, doch just in diesem Moment kommt ihr Vater nach Hause. Durch Zauberei läßt Ajaxerle Karl in einem Wäscheschrank verschwinden. Wurzel gegenüber gibt er sich als Schneckenhändler aus, der von seinem Vetter Karl um Hilfe gebeten wurde. Für diesen bittet er um Lottchens Hand. Erwartungsgemäß bleibt Wurzel unnachgiebig und fordert von Lottchen, daß sie einen alten Millionär heirate. Doch auch Lottchen bleibt standhaft und schwört, niemals von ihrem Karl zu lassen. Ajaxerle warnt Wurzel, daß es ihn zutiefst reuen werde, wenn er Lottchen seine Einwilligung verweigere. Entschlossen leistet auch Wurzel einen Schwur: Lottchen darf Karl heiraten, wenn sein heißes Blut kalt, seine Fäuste schwach und sein Haar grau geworden sind, d. h., wenn er so aussieht, als gehöre er auf den „Aschenmarkt“. Sofort nimmt Ajaxerle den Schwur an. Zum Abschied nennt Ajaxerle Wurzel einen „Hasenfuß“, was diesen so in Rage bringt, daß er ihn mit einem Stuhl in der Hand verfolgt.

Wütend tritt Karl aus dem Schrank, verspricht, er werde reich oder gar nicht wiederkommen, und springt aus dem Fenster. Auf der Straße landet er direkt in Wurzels Armen. Karl reißt sich los und läuft davon. Lottchen wird von ihrem Vater mit ihren Bauernkleidem vor die Tür gesetzt. In ihrer Verzweiflung wünscht sie sich die Nacht herbei, die sich auch auf der Stelle einstellt. – Chor [GS: fehlt] der Geister der Nacht I 13 („In dem finstern Reich der Klüfte […]“). – Ein Genius führt Lottchen fort. – Chor [GS: fehlt] der Geister der Nacht I 13 („Entflieh nur der Pracht, / Dich rächet die Nacht.”).

2. Aufzug

Ohne Umwege stößt das herzensgute Lottchen in einem Bergtal auf das Haus der Zufriedenheit. Ihre Ankunft war der Zufriedenheit bereits angekündigt worden. Gerne nimmt die Dame das Mädchen auf. Sie erzählt ihr, daß die meisten Menschen die Zufriedenheit auf dem Weg des Glücks suchen. Sie erklimmen die Gipfel von Reichtum und Ruhm. Eindringlich warnt sie Lottchen vor diesen Bergen. Die Zufriedenheit verspricht Lottchen, daß sie ihren Karl [GS: fehlt] noch am selben Tag bekommen wird. Unterdessen läßt Wurzel sich von seinen Saufbrüdern feiern. – Trinklied Musensohn mit Chor II 4 („Freunde, hört die weise Lehre […]“).

Plötzlich schlägt die Uhr zwölf, obwohl es eigentlich noch früh am Abend ist. Während Wurzel und Lorenz noch verwundert die Uhren ansehen, fährt die Jugend in einem goldenen Wagen vor und verlangt, Wurzel zu sprechen, denn sie ist gekommen, um ihm die Freundschaft zu kündigen.

Duett Jugend, Wurzel II 6 („Brüderlein fein […]“).

Nach dem Abgang der Jugend schlägt die Uhr zu Wurzels Verwunderung elf. In diesem Moment verlangt das Alter Einlaß. Wurzel weigert sich zwar, es einzulassen, doch es findet auch so seinen Weg ins Haus. Es zeigt Wurzel einen Einquartierungszettel und erklärt ihm, es komme anstelle des Kindes, das er fortgejagt hat. Das hohe Alter läßt sich nicht nur nicht hinausbitten, sondern kündigt auch noch weiteren Besuch an: seinen Vetter, den verdorbenen Magen, und seine Cousine, die Gicht. Wurzel fühlt sich elend und beginnt zu frieren. Mit einer Bewegung verwandelt das hohe Alter Wurzels schwarze Haare in graue. Zum Abschied gibt es Wurzel noch einige gute Ratschläge für eine gesunde Lebensführung. Erst durch einen Blick in den Spiegel bemerkt Wurzel, daß er einen Kropf hat. In seiner Verzweiflung verwünscht er sein Geld. Lieber wolle er gesund und arm als krank und reich sein.

Im selben Augenblick findet er sich mit Lorenz auf der Wiese bei den Ochsen wieder. Wütend läßt Lorenz seinen Herrn allein. Dafür erscheinen der Haß und der Neid, der Wurzel Vorwürfe macht. Heulend geht Wurzel seiner Wege. Tophan verrät dem Haß [GS: Der Neid und der Haß wissen], daß die Geister ihren Plan umsetzen, der Lakrimosa und Lottchen wieder zusammenbringen soll. [GS fehlt] Noch in dieser Nacht werde Ajaxerle Lottchen und Karl vereinen. Allerdings wisse der Fischer wohl noch nichts von seinem Glück. Diesen Umstand will der Haß sich zunutze machen und beauftragt Tophan, die Ankunft des Magiers noch eine Stunde hinauszuzögern. Durch eine List will der Haß [GS fehlt: in der Zwischenzeit] Macht über Karl gewinnen: Im Lusthaus eines herrlichen Gartens befindet sich ein Brillantring [GS: des Menschenhasses], der unermeßlichen Reichtum verschafft. Er wird bewacht von neun bösen Geistern, die als Büsten wie Kegel um ihn herum aufgestellt sind. Trifft ein Mensch alle Neune, gewinnt er den Ring, den ihm keine Zaubermacht entreißen darf. Wirft der Besitzer den Ring nicht freiwillig oder durch Zufall vor dem Ablauf von neun Tagen [GS: einem Jahr] von sich, erfüllt ihn der furchtbarste Menschenhaß und er wird sich und viele andere ins Verderben stürzen. Der Mensch, der nicht alle Neune trifft, stirbt auf der Stelle. Der Haß will Karl zu dem Kegelspiel verleiten [GS: und ihn gewinnen lassen. Sollten die Geister nicht schnell genug handeln, verlöre Lakrimosa ihre Tochter]. Verliert er, ist er tot, gewinnt er, kann er als reicher Mann Lottchen heiraten, und Lakrimosa verlöre ihre Tochter.

Von einem Papagei, der Karl Lottchens Hand verspricht, wird der Fischer zu den Kegeln gelockt. Nigowitz, der als Buchhalter bei den Kegeln angestellt ist, macht Karl auf die Regeln aufmerksam, doch Karl fürchtet den Tod nicht und ist wild entschlossen, auf diese Weise reich zu werden, weil er glaubt, Lottchen dann heiraten zu können. – Chor II 13 [GS: II 14] („Laß ab! Laß ab! / Die Kugel rollt ins Grab! / Laß ab!“). – Tatsächlich trifft Karl alle Neune und gewinnt den Zauberring.

3. Aufzug

Chor III 1. – Karl hatte den Geistern befohlen, einen Palast zu bauen, und war danach in die Stadt zu Wurzels Haus gereist, das jedoch samt dem Bauern verschwunden ist. Der Haß durchschaut nicht, was Karl vorhat. Vorerst ist er ihm zu Diensten verpflichtet, aber dennoch seines Sieges gewiß. Unterdessen hat die Zufriedenheit durch Amor einen Brief des Geistervereins erhalten, in dem berichtet wird, Ajaxerle habe leider versäumt, Lottchen und die Zufriedenheit rechtzeitig abzuholen. Karl sei nun in der Hand des Hasses, gegen den die Geister nichts unternehmen dürfen. Sie vertrauen darauf, daß die Zufriedenheit es mit diesem Gegner aufnimmt.

Amor, die Zufriedenheit und Lottchen begeben sich zu Karls Palast, aus dem ihnen der Haß als Haushofmeister entgegentritt. Auf der Stelle will er die beiden gefangennehmen, doch Amor trifft sein Herz mit einem Pfeil, so daß er Gefallen an Lottchen findet. Er erlaubt den Frauen, in einem Nebengebäude auf Karl zu warten.

[GS: Die Geister des Hasses haben in einem Tag und einer Nacht einen wunderbaren Palast für Karl gebaut. Der Haß befiehlt seinen Geistern, darauf zu achten, daß Karl den Ring nicht vom Finger nimmt und die anderen Geister seinen Plan nicht durchbrechen. Tophan soll Karl als dessen Haushofmeister dienen. Die Zufriedenheit sorgt sich um das weitere Vorgehen, well sie keine Nachricht von den Geistern erhalten hat. Mit Lottchen begibt sie sich zu Karls Palast, aus dem ihnen Tophan entgegentritt. Die beiden Frauen bewerben sich als Dienstmädchen und werden angenommen.]

Mit List gelingt es Ajaxerle in der Zwischenzeit, in den Palast zu gelangen und sich dort zu verstecken.

Wurzel trifft als Aschenmann auf die Zufriedenheit, die er für eine Köchin hält. Er klagt über sein Schicksal und gibt zu, daß er es zutiefst bereut, Lottchen und Karl die Einwilligung zur Hochzeit verweigert zu haben. Zudem wünscht er sich, er wäre immer Bauer geblieben. Den Fischer beneidet er nicht um seinen Reichtum, und wegen genau dieses Reichtums gäbe er auch jetzt nicht seinen Segen zur Hochzeit. Dem armen Fischer gäbe er allerdings Lottchen gern zur Frau. Die Zufriedenheit gebietet Wurzel, auf dem kleinen Rosenhügel, der die alte Fischerhütte verdeckt, zu warten, bis sie ihn rufe. In Wurzel keimt der Verdacht, daß sie gar keine Köchin ist.

Arie Wurzel III 8 [GS: III 7; SW: III 4]) („So mancher steigt herum […] Ein Aschen!“ [„Aschenlied“]).

Im Palast treffen sich die Zufriedenheit und Ajaxerle. Die Zufriedenheit soll Karl dazu bringen, den Ring vom Finger zu nehmen, und ihn dann sogleich mit Lottchen vermählen. Für den Fall, daß sie Hilfe braucht bei dieser Aufgabe, gibt der Magier ihr eine Perlenschnur, auf die zwölf verwandelte Geister aufgefädelt sind.

Karl kehrt zurück. Als er Lottchen sieht, will er sie auf der Stelle heiraten, und auch Lottchen ist nicht bereit, auf die Warnungen der Zufriedenheit zu hören. Diese ruft die Geister zur Hilfe, und mit Bustorius’ Zauberstab [GS: der Perlenschnur] verzaubert sie Lottchen, so daß sie niemanden heiraten kann, der auch nur einen Edelstein besitzt, weil sie bei diesem Anblick in Ohnmacht fällt. Dennoch zögert Karl, den Ring wegzugeben. Erst als er erkennt, daß er zwischen Lottchen und dem Reichtum wählen muß, wirft er ihn fort. Glücklich fallen sich die beiden in die Arme, und Lakrimosa ist von ihrem Fluch erlöst. Auch der Schwur, den Wurzel Ajaxerle geleistet hat, ist gelöst, und er verwandelt sich wieder in den Bauern, der er einmal war. Lakrimosa kann Lottchen und Karl keine Reichtümer schenken, aber sie schenkt ihnen auf ewig einen reichen Fischsegen. Die Zufriedenheit läßt die beiden aus der „Quelle der Vergessenheit des Üblen“ trinken. [GS: Die Zufriedenheit schenkt den beiden die Quelle.]

Schlußgesang Wurzel mit Chor III 15 [GS: III 13; SW: III 7]) („Vergessen ist schön, und es ist gar nicht schwer […]“).

Aus ‹Ferdinand Raimund, der Theatermacher an der Wien›
von Jürgen Hein und Claudia Meyer, Verlag Lehner

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