Ferdinand Raimund
Der Diamant des Geisterkönigs

Inhalt

Personen: Longimanus, Geisterkönig; Pamphilius, sein erster Kammerdiener; Zephises, ein Magier, als Geist; Eduard, sein Sohn; Florian Waschblau, sein Diener; Mariand[eIl, Köchin; [ein) erster und zweiter Nachbar von Eduard; Veritatius, Beherrscher der Insel der Wahrheit [GS (= Glossy/Sauer): sittlichen Insel); Modestina, seine Tochter; Aladin, sein erster Höfling; Amine, eine Engländerin; Osillis, Amazilli, Bitta, Lira, vier verschleierte Mädchen; die Hoffnung; ein Herold; Kolibri, ein Genius; Fee Aprikosa; erster und zweiter Zauberer; Fee Amarillis; Koliphonius, ein böser Genius, Wächter des Zaubergartens; ein Feuergeist; die Stimme des singenden Baumes; erste und zweite Drude; der Winter; der Sommer; der Herbst; der Frühling; ein Grieche; eine Griechin [GS: ein Drache]; Feuergeister; Luftgeister; Genien; Feen; [Zauberer]; Inselbewohner; Eduards Nachbarn; Wache; Gefolge des Geisterköniga; Verwünschte im Zaubergarten; zwei Diener des Herolds; zwei Mohren.

1. Aufzug

Chor I 1. – Die Feen beschweren sich darüber, daß der Geisterkönig Longimanus immer mehr irdische Verhaltensweisen annimmt und Menschen scharenweise zu sich kommen läßt, um ihnen ihre Bitten zu erfüllen. Auch die Zauberer beschweren sich bei seinem Diener Pamphilius darüber, daß der Geisterkönig die Menschen mit Wohltaten überhäuft und die Bewohner der Geisterwelt dabei zu kurz kommen. Die Fee Aprikosa äußert den Verdacht, daß dies das Werk der Fee Diskantine [GS (= Glossy/Sauer): Fedorine] ist, die Longimanus mit ihrer schönen Stimme bezaubert hat. Pamphilius gibt ihr recht, berichtet allerdings, der Geisterkönig sei verärgert darüber, daß seine Wohltaten nur an Unwürdige verschwendet wurden. Deshalb hat er Diskantine [GS: Fedorine] auf die Spitze eines Berges verbannt und men Baum verwandelt. Ihre herrliche Stimme durfte sie jedoch behaltn, so daß dieser Baum „vom Blatt” singt. Kein Sterblicher darf sich mehr dem Palast des Geisterkönigs nähern, bevor er nicht, ohne sich umzusehen, auf den Berg gestiegen ist und einen Zweig des singenden Baumes geholt hat. Dieser Zweig schützt den Menschen vor allen Gefahren und geleitet ihn in das Geisterreich. Sollte der Mensch sich auf seinem Weg umschauen, wird er auf der Stelle in ein Tier oder eine Blume verwandelt. Der böse Genius Koliphonius ist, gegen reichliche Bezahlung, mit der Aufgabe betraut, die Menschen durch allerlei Hokuspokus dazu zu verleiten, sich umzusehen. Mit dieser Auskunft sind die Zauberer und Feen hoch zufrieden. Chor I 3 [GS: I 4].

Nachdem er einige Bittgesuche bearbeitet hat, läßt Longimanus den Magier Zephises holen, den er vor vielen Jahren auf der Erde kennengelernt und ein kostbares Zauberkabinett geschenkt hatte. Um ihn über den Tod seiner Frau zu trösten, hatte er ihm versprochen, ihn nach seinem Tod unter die Geister aufzunehmen. Unlängst hatte Zephises der Blitz erschlagen, so daß er nun unter den Geistern weilt. Er gesteht Longimanus, daß er sich nach seinem plötzlichen Tod um seinen Sohn Eduard sorgt, dem er nicht mehr den Weg zu den verborgenen Schätzen seines Zauberkabinetts weisen konnte und der deshalb völlig unversorgt dasteht. Er bittet den Geisterkönig, einen Genius zu Eduard zu schicken, der ihm die Geheimnisse des Kabiinetts enthüllen soll. Danach soll Eduard sich selbst zu Füßen des Geisterkönigs werfen und um die Erfüllung einer Bitte flehen, die Zephises nicht mehr äußern konnte. Longimanus will dem Sohn aus seiner Not helfen. Eduard kann jedoch nur mit einem Zweig des singenden Baumes Einlaß in das Geisterreich finden.

Arie Florian I 15 [GS: I 16] („Ich hin der liebe Florian / So heißen mich die Leut […]

Sein Diener Florian sorgt sich um den nach dem Tod des Vaters völlig mittellos dastehenden Eduard. Um ihm zu helfen, will er alles Erreichbare zu Geld machen, unter anderem auch seine Kleider und die seiner Freundin Mariandl. Als Mariandl das Fehlen ihrer Sachen bemerkt, glaubt sie zunächst an einen Diebstahl, bis Florian ihr die bereits eingepackten Kleider zeigt und seine Absicht offenbart.

Gerade als Eduard gänzlich allein und verzweifelt ist, erscheint die Hoffnung aus der Versenkung und überbringt ihm von ihrer Schwester, dem Glück, die Nachricht, er solle in der Zimmerecke den Boden öffnen, einen Schlüssel herausnehmen und damit die Wand aufschließen. Eilig verschwindet die vielbeschäftigte Hoffnung wieder und läßt einen verblüfften Eduard zurück. Nach kurzem Zögern tut er, wie ihm geheißen, und findet eine Halle mit sechs wertvollen Statuen. Zudem entdeckt er eine Pergamentrolle seines Vaters, in der dieser ihm mitteilt, er habe diesen Schatz vom Geisterkönig erhalten. Sollte Eduard auch die siebte, wertvollste Statue, eine Statue von rosenroten Diamanten, haben wollen, müsse er sich selbst an den Geisterkönig wenden. Auf der Stelle ist Eduard von dem Wunsch beseelt, sich mit dieser Bitte an den Geisterkönig zu wenden. Kaum hat er diesen Wunsch formuliert, erscheint der kleine Genius Kolibri, der den Auftrag hat, Eduard zu helfen.

Chor I 20 [GS: I 22]. – Florian hat unterdessen die gesamte Nachbarschaft zusammengerufen. Alle sind gerne bereit, Eduard in seiner Notlage zu Diensten zu sein. Dankend lehnt dieser ab und erklärt, sofort eine Reise antreten zu müssen. Florian wird seinen Herrn begleiten.

Duett Florian, Mariandl I 22 [GS: I 24] („Mariandel, Zuckerkandel / Meines Herzens, bleib gesund […]“).

Kolibri erscheint mit einer Postkutsche. Alle drei brechen sofort auf und lassen eine sorgenvolle Mariandl zurück.

Arie Mariandl I 25 [GS: I 27] („Die Ehre ist fürwahr nicht klein, / Recht eine gute Köchin z' sein […]“).

Florian und Kolibri begleiten Eduard bis an den Fuß des Zauberbergs. Auf dem Weg zum singenden Baum darf der Genius den Menschen nicht beschützen.

Melodrama I 27 [GS: I 29]: Tatsächlich gelingt es Eduard, trotz allerlei Ablenkungen, den Berg zu besteigen, ohne sich umzusehen. Von unten beobachtet Florian alles und eilt ihm dann nach. Auch ihm gelingt es, allen von Koliphonius inszenierten Ablenkungen zu widerstehen, bis er, direkt vor dem Ziel, hinter sich Mariandls Stimme hört und sich umdreht. Sofort erscheint Koliphonius und verwandelt Florian just in dem Moment in einen Pudel, als Eduard freudestrahlend mit dem Zweig zurückkehrt. Auf keinen Fall will Eduard seinen Diener in der Gewalt des Genius lassen. Nur mit Mühe und mit Hilfe der Zauberkraft des Zweiges und Kolibris gelingt allen dreien die Flucht.

2. Aufzug

Mit dem Zweig in der Hand stürzt Eduard Longimanus zu Füßen. Als erstes bittet er den Geisterkönig, Florian seine ursprüngliche Gestalt wiederzugeben. Longimanus erfüllt ihm diese Bitte, ist allerdings von der Verwandlung nicht recht überzeugt: „[…] er ist mir als Pudel viel gescheiter vor[ge]kommen, als jetzt.” Flehentlich bittet Eduard Longimanus um die siebte Statue. Der Geisterkönig ist bereit, sie Eduard zu schenken, wenn dieser ein 18jähriges Mädchen findet, das in ihrem Leben noch nie gelogen hat. Sollte er sie finden, muß er sie unverzüglich Longimanus übergeben, ansonsten verlöre er sein Leben. Um die Mädchen zu prüfen, wird Eduard ihnen die Hand geben. Je mehr sie in ihrem Leben schon gelogen haben, desto heftigere Schmerzen wird Florian dabei empfinden. Finden sie die Richtige, wird er statt der Schmerzen das größte Wohlbehagen verspüren.

Sogleich machen sich Eduard und Florian auf den Weg. Longimanus stellt ihnen einen Luftballon, neue Kleider und Kolibri als Reisebegleitung zur Verfügung.

Arie Florian II 5 („D’Mariandel ist so schön / D’Mariandel gilt mir alls […]”).

Chor von Einwohnern II 7. – Rezitativ II 8: Der Herold verkündet die Befehle des Herrschers („Bewohner des sittlichen Landes! […]“).

Arie mit Chor II 8 („Hier im einsam stillen Lande, / Wo der goldne Friede thront […]“).

Kolibri hat Eduard und Florian auf der Insel der Wahrheit [GS: im Lande der Sittsamkeit] abgesetzt. Dort treffen sie auf Aladin, den Diener des Veritatius, der sie mit den strengen Sitten des Landes vertraut macht: Vor allem die Mädchen werden streng bewacht, und grundsätzlich wird jede Lüge hart bestraft. Den ersten vier Mädchen, die ihnen begegnen, reicht Eduard die Hand, doch jedes Mal empfindet Florian dabei die heftigsten Schmerzen. Wegen seiner Schmerzensäußerungen hält man ihn für einen Rasenden und will ihn ins Gefängnis werfen, doch Eduard kann das verhindern. Florian fürchtet um sein Leben, falls Eduard noch oft einem falschen Mädchen die Hand reicht.

Quodlibet Florian II 14 („Werd ich denn hier sterben müssen? […]“) Chor II 15 [GS: fehlt]. – Veritatius stellt Eduard seine Tochter Modestina vor, doch auch diese hat in ihrem Leben schon oft gelogen, wie Florian schnell feststellen muß. In diesem Augenblick stürzt Amine herbei. Einst war sie nach einem Schiffbruch auf der Insel gestrandet. Jetzt wirft man ihr vor, sich nicht an die unzähligen Regeln der Insel zu halten. Dafür soll sie in einem Schiff auf dem Meer ausgesetzt werden. Eduard reicht ihr die Hand und erkennt sofort an Florians Verhalten, daß sie die Gesuchte ist. Er bittet Veritatius, Amine als seine Gemahlin mitnehmen zu dürfen. Veritatius gewährt ihm diese Bitte. Er ist allerdings so verstimmt, daß er Eduard für immer aus seinem Reich verbannt. – Chor II 16.

Kolibri eilt den Reisenden voraus, um ihren Empfang vorzubereiten. Eduard, der sich in Amine verliebt hat, kann nicht umhin, ihr von seinem Schwur zu erzählen. Auch Amine hat sich in Eduard verliebt und ist verzweifelt. Doch es bleibt kein Ausweg. Als Longimanus erscheint und Amine weggeführt werden soll, wirft Eduard sich vor ihm auf die Knie und fleht um Gnade. Gerne will er für Amine auf den Schatz verzichten. Longimanus erscheint unbeirrbar. Eduard erkennt nicht, daß es sich bei der Statue, die erscheint, um Amine handelt. In seinem Schmerz droht er, sie zu zerschlagen, doch Amine steigt von ihrem Podest und fällt ihm in die Arme. Longimanus hatte lediglich Eduards Liebe auf die Probe stellen wollen. Zum Hochzeitsfest erscheinen viele Gäste, und auch Florian kann seine Mariandl überglücklich in die Arme schließen.

Schlußgesang Florian, Mariandl mit Chor II 21 („Der kleine Liebesgott / Treibt mit uns allen Spott […]“).

Aus ‹Ferdinand Raimund, der Theatermacher an der Wien›
von Jürgen Hein und Claudia Meyer, Verlag Lehner

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