Ferdinand Raimund
Moisasurs Zauberfluch

Inhalt

Personen: Der Genius der Tugend; Ariel, ein Tugendgeist; Moisasur, Dämon des Übels; der Genius der Vergänglichkeit; Hoanghu, Beherrscher des Diamantenreiches; Alzinde, seine Gemahlin; Mansor [Almansor]; Omar, ein Bote von Hoanghus Heere; Hassar, ein Mohr; Karambuco, ein Krieger; Ossa, sein Weib; ein Häuptling von Hoanghus Heere; Gluthahn, ein wohlhabender Bauer; Trautel, sein Weib; Hans, ein armer Steinbrecher; Mirza [Mirzel], sein Weib; der Amtmann von Alpenmarkt; der Aktuar; Philipp, Diener des Amtmannes; Rossi, Juwelenhändler, Besitzer eines Landhauses bei Alpenmarkt; Hänfling, sein Aufseher im Landhaus; ein Kohlenbauer; ein Kerkermeister; vier Gerichtsdiener; [vier Schatten Moisasurs] [erster Geist Moisasurs, zwei Schatten im Reich der Vergänglichkeit] [Geister Moisasurs]; Indisches Volk; Alzindes Hofstaat; Hoanghus Krieger; Schatten im Reiche der Vergänglichkeit; Traumgestalten; Rossis Dienerschaft [ein Bedienter Rossis]; [der Traumgott; eine Stimme; Priester der Sonne; Tugendgeister; Genen].

1. Aufzug

Chor I 1. – Die indische Königin Alzinde hat, während ihr Gemahl Hoanghu Krieg führt, den Tempel des bösen Dämons Moisasur einreißen lassen und dafür einen Tempel der Tugend gebaut, weil sie hoffte, auf diese Weise das Kriegsglück für ihren Mann zu wenden. Gerade an dem Tag, an dem der Tempel von den Sonnendienern eingeweiht wird, meldet Omar die bevorstehende glückliche Rückkehr des Königs.

Chor I 2. – Dankbar hört Alzinde die Nachricht, daß alle Feinde vertrieben wurden und sogar noch Land gewonnen werden konnte. Überglücklich läßt sie den neuen Tempel einweihen. Unter lautem Donnergrollen erscheint Moisasur. Aus Wut über den Fluch, mit dem Alzinde jedes Opfer belegt, das in ihrem Land noch Moisasur dargebracht wird, verwandelt er ihr Volk in Stein. Auch jeder, der das Land betritt, wird augenblicklich zu Stein werden. Alzindes jugendliche Seele wird von ihm in die Gestalt eines alten Weibes versetzt, das diamantene Tränen weint. Der Nordwind soll sie in einen anderen Weltteil tragen. Der Zauberfluch wird sich erst lösen, wenn sie „in den Armen des Todes Freudentränen weint.“

Auftrittslied Gluthahn I 4 [SW: I 3] („Das ist ein schlechtes Gsind / Im Rattental da hint […]“). Gluthahn ist „ein alter, heuchlerischer, mißgünstiger, höhnender, gemeiner Schurke“, der sich selbst jedoch für herzensgut hält.

Der Nordwind setzt Alzinde vor Gluthahns Hütte ab. Erst dort bemerkt sie durch ihr Spiegelbild in einer Quelle ihr altes, ärmliches Aussehen. Verzweifelt ruft sie nach ihren Dienern. Durch ihr Rufen kommt Gluthahn herbei, den sie um Hilfe anfleht, doch kalt weist er das Bettelweib ab. In ihrer Verzweiflung fleht Alzinde die Sonne um Hilfe an. Als sie einige Sonnenstrahlen sieht, faßt sie wieder neuen Mut.

Lied Hans I 11 [GS (= Glossy/Sauer): I 10; SW: I 7] („Schön ist der Wald […]“). Lied Mirzel [GS: I 11] („Sag mir, mein Manderi, was laufst denn voraus […]“). Hans und Mirzel sind ein armes, aber durch ihre Liebe zueinander dennoch glückliches Paar. Sie finden Alzinde, und obwohl sie selbst oft Hunger leiden, bieten sie der armen Frau Hilfe an. Vor Trauer um ihren Gemahl weint Alzinde diamantene Tränen, die dem erstaunten Hans in den Hut fallen. Sie bittet die beiden um Schutz und Hilfe und will ihnen als Gegenleistung ihre Tränen schenken. Kurz erzählt Alzinde von ihrem traurigen Schicksal. Bereitwillig nehmen Hans und Mirzel das alte Weib auf.

[GS: fehlt:] Duett I 11 („Heisa Juhe! […] Fröhliches Herz kennt keinen Schmerz, / Tauschet mit Königen nicht.“).

Gluthahn hat das Gespräch von Hans, Mirzel und Alzinde belauscht und will selber in den Besitz der Diamanten kommen. Sein Plan ist, Mirzel zu einem befreundeten Juwelenhändler in Alpenmarkt zu bringen und sie an diesen zu verkaufen, sollte sich die Echtheit der Diamanten bestätigen. Er ist davon überzeugt, ihr damit Gutes zu tun und selbst ein edler Mensch zu sein. Unbarmherzig läßt er seine kranke Frau die Pferde einspannen. Während Hans und Mirzel bei der Arbeit im Steinbruch sind, versucht Gluthahn, Alzinde mit allerlei guten Worten und Schmeicheleien aus der Hütte zu locken, doch sie läßt sich nicht beirren und weist ihn auch ab, als er wilde Drohungen ausstößt. Erst als er scheinbar ohnmächtig zu Boden sinkt, eilt sie ihm zur Hilfe. In diesem Moment springt er auf und schleppt sie zu seinem Wagen. Von Ferne sieht Trautel ihren Mann mit dem alten Weib davonfahren. Da sie Böses befürchtet, eilt sie auf der Stelle in den Steinbruch, um allen Leuten davon zu erzählen.

Ariel fordert auf: „Laßt uns um Alzinden klagen“. Der Genius der Tugend („Hört mich an, ihr Tugendgeister […] Nur ein [GS: Ein großer] Kampfplatz ist die Welt […]“) will Hoanghus Liebe zu Alzinde prüfen und befiehlt den Geistern: „Lindert in Alzindens Herz / Der Verzweiflung wilden Schmerz.“

Im Traum sieht Hoanghu, daß Alzinde Leid widerfahren ist. Entsetzt läßt er eilig zum Aufbruch blasen und verspricht dem Krieger, der ihm als erster davon berichtet, daß Alzinde lebt, eine reiche Belohnung.

Um sich den versprochenen Lohn zu verdienen, eilt Karambuco der Grenze entgegen. Doch Ossa, sein Weib, will ihn aufhalten, well sie glaubt, er fliehe wegen eines begangenen Unrechts. Weder Bitten, noch Drohen, noch Fluchen helfen. Sie hält ihren Mann fest. Schließlich schleudert er sie mit aller Macht von sich und über die Grenze, wo sie versteinert liegen bleibt. Karambuco freut sich, seine Frau auf diese Weise zum Schweigen gebracht zu haben. Gerade will er selbst einen Fuß über die Grenze setzen, als die Stimme des Genius ihn warnt. Erst jetzt fällt ihm ein, daß sein ganzes Vermögen, „erspart und gestohlen“, in Ossas Sack steckt und somit auch versteinert ist. Karambuco versucht, Hoanghu aufzuhalten und vor dem Betreten des Landes zu warnen, aber dieser ist fest entschlossen, jedes Schicksal mit seiner geliebten Frau zuteilen. Da tritt der Genius der Tugend vor ihn und erklärt, er könne Alzinde retten, weil sein Leben ihm weniger bedeutet als die Liebe. Hoanghu schwört vor dem Altar der Tugend, ihr jedes Opfer zu bringen.

Mit einer Lilie weiht der Genius der Tugend I Ioanghu znm Retter von Alzinde.

2. Aufzug

Hänfling mit Chor II 1. – In Alpenmarkt bittet Gluthahn Hänfling um eine Unterredung mit dem Hausherrn, doch erst durch eine kleine Bestechung ist der Inspektor dazu bereit. Alzinde nutzt das Gespräch, um Hänfling um Hilfe zu bitten, doch dieser weist sie grob von sich. Gluthahn versichert Rossi, daß das alte Weib diamantene Tränen weine. Der Händler ist skeptisch, will sich aber dennoch selbst davon überzeugen, daß das von Gluthahn als verrückt geschilderte Bettelweib diese unglaubliche Fähigkeit besitzt. Doch Alzinde weigert sich, auch nur eine Träne zu weinen. Rossi bewundert ihre stolze Art und ihre edle Ausdrucksweise. Gluthahn dagegen droht, Alzinde in den Keller zu werfen, falls sie nicht augenblicklich weine. Als er sie mit sich fortziehen will, greift Rossi ein, weil er Gluthahns Benehmen abstoßend findet. Doch auch Alzindes Gebet zur Sonne, sie möge Gluthahn mit übermäßigem Reichtum strafen, erscheint ihm befremdlich. Kurzerhand läßt er beide vor Gericht stellen. Gluthahn jammert: „So kommt man mit seinem guten Herzen an.“ [SW: Szene fehlt.]

Chor der Genien II 6 [SW: II 4]. – Der Genius der Tugend sucht den Herrn des Reiches der Vergänglichkeit, den Tod. – Chor der grauen Geister [Genien] II 7 [SW: II 4]. – Der Genius der Tugend will mit der Hilfe des Todes Alzindes Leben retten. Zunächst weigert sich dieser, doch ein Wort seiner Herrin, der Ewigkeit, läßt ihn einlenken. In Alpenmarkt werden Alzinde und Gluthahn vor Gericht gestellt. Hans und Mirzel werden als Zeugen gehört. Sie erzählen, wie sie Alzinde fanden und was sie ihnen über ihr Schicksal erzählt hat. Von Trautel hatten sie gehört, daß Gluthahn Alzinde entführt habe. Gluthahns Frau war nach diesem Bericht tot zusammengebrochen. Beide können ihre Aussagen beschwören. Gluthahn versucht, sich durch Lügen aus der Situation zu retten, doch alle Zeugen sagen gegen ihn aus, und so wird er schließlich ins Gefängnis gebracht. Als er vom Tode seiner Frau erfährt, ärgert es ihn lediglich, daß das Haus nun ohne Aufsicht ist.

Der Amtmann läßt auch Alzinde vorführen. Da sie zugibt, diamantene Tränen geweint zu haben, wird sie wegen Hexerei ins Gefängnis geworfen und mit dem Todesurteil bedroht. Bevor sie abgeführt wird, weint sie heimlich einige Tränen für Hans und Mirzel als Dank für ihre Hilfe.

Rossi ist gerührt vom Schicksal der alten Frau und schenkt Hans und Mimzel Gold für das, was sie an ihr getan haben. Allein mit sich, hadert der Amtmann mit seinem Urteil, kommt dann aber doch zu dem Schluß, richtig gehandelt zu haben.

Im dunklen Kerker erscheint der Tod bei Alzinde und bittet sie, ihm die Hand zu reichen. Da sie hofft, in seinem Reich ihren geliebten Mann wiederzutreffen, willigt sie ein. In diesem Moment erscheint Hoanghu. Sofort will Alzinde zu ihm, doch der Tod läßt sie nicht los. Auch der Hinweis auf die vielen Soldaten, die Hoanghu ihm während seines Feldzuges geopfert hat, kann daran nichts ändern. Schließlich schlägt Hoanghu ihm einen Handel vor: die bessere Hälfte seines Leben gegen Alzinde [GS: sein Leben gegen Alzindes]. Vor Freude über die unendliche Liebe ihres Mannes weint Alzinde Freudentränen in den Armen des Todes. – Chor II 18 [SW: II 10].

In ihrem entzauberten Reich fallen sich Hoanghu und Alzinde glücklich in die Arme. – Genius der Tugend II 18: „Seht, schon zieht aus euren Landen / Donnernd Moisasurs Geist […] Groß kann nur der Nachruhm klingen / Wenn er sich durch Tugend krönt.“

Aus ‹Ferdinand Raimund, der Theatermacher an der Wien›
von Jürgen Hein und Claudia Meyer, Verlag Lehner

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