Ferdinand Raimund
Die gefesselte Phantasie

Inhalt

Personen: Apollo; die poetische Phantasie; Hermione, Königin der Halbinsel Flora; Affriduro, Oberpriester des Apollo; Vipria, Arrogantia, die Zauberschwestern; Distichon, Hofpoet; [Muh,] der [Hof]Narr; Odi, ein Höfling; Amphio, Hirte der Lilienherde; Nachtigall, Harfenist aus Wien; der Wirt zum Hahn; ein Schuster; ein Spengler; ein Fremder; ein Kellner; ein Dichter; Hermionens Hofstaat [Gefolge]; Opferdiener [Götzendiener]; Dichter; Inselbewohner; verschiedene Gäste; Volk; [Priester des Apollo].

1. Aufzug

Chor I 1 („Götter, schleudert eure Blitze! […]“). – Die ansonsten friedliche Insel Flora, von der sanftmütigen Königin Hermione beherrscht, wird seit einem Jahr von den bösen Zauberschwestern Vipria und Arrogantia tyrannisiert. Nun will das Volk sich bei Hermione über die beiden Schwestern beschweren. Während alle auf die Königin warten, erzählt Odi, wie Amphio, ein Jüngling unbekannter Herkunft, es geschafft hat, zum Hirten von Hermiones Lieblingslämmern aufzusteigen.

Chor I 4. – Affriduro berichtet Hermione, das Orakel habe geweissagt, es werde Krieg in ihrem Blumenreich geben, sollte sie die Zauberschwestern nicht verjagen. Da man auf der Insel bisher nur Poesie, Gesang und Tanz kannte, rät Affriduro zu einer List. Laut Orakelspruch wird die Macht der Zauberschwestern gebrochen, wenn Hermione heiratet. Affriduro bittet sie deshalb, den König von Athunt, den Beherrscher des Nachbarreiches zu ehelichen. Doch Hermione hat vor Zeiten den Schwur geleistet, nur einen Dichter zu heiraten. Der König von Athunt respektierte dieses Gelübde, als er vor zwei Jahren um ihre Hand anhielt und versprach, den Frieden ihres Landes niemals zu stören. Dennoch drängt Affriduro zu der Hochzeit, denn die Sterne zeigen einen Herrscher von Athunt, was Hermione in Verlegenheit stürzt, well sie zur Zeit verliebt ist. Auf Drängen ihres Volkes verspricht sie jedoch, sich zu vermählen, wenn „der Mond die goldene [GS (= Glossy/Sauer): uns seine] Sichel zeigt“. Bis dahin will sie versuchen, eine friedliche Lösung mit den Zauberschwestern zu finden, und lädt sie deshalb zu sich ein. In freundlichem Ton bittet Hermione die wüsten Schwestern, den Frieden der Insel nicht zu stören. Darüber geraten die beiden in Wut und verspotten Hermione. Als diese sie ergreifen lassen will, drohen beide mit Pfeil und Bogen. Aus Furcht läuft Hermiones Volk davon. Weinend bleibt Hermione allein zurück. Auch die Zauberschwestern verschwinden, allerdings nicht ohne zuvor Hermiones Lieblingsgarten zu zerstören. Vipria schwört der verzweifelten Hermione weitere Rache.

Die Königin erkennt den Ernst der Lage. Da sie Amphio liebt, könnte sie mit dieser Hochzeit die Macht der Schwestern brechen, doch sie scheut sich, dem Volk einen einfachen Hirten als zukünftigen König vorzustellen. Da Amphio wunderbare Gedichte verfaßt, läßt sie verkünden, sie sei bereit, denjenigen zu heiraten, der ihr am Abend das beste Gedicht vortrage. Distichons spontaner Gedichtvortrag endet kläglich; der Narr „will einen Kalender zusammenfluchen” („Ganz leicht beginnt der Januar […]“; 17 [GS: I 11]).

Amphio hat mit Hilfe der Phantasie das Herz von Hermione erobert. Nun will er die Phantasie um Rat fragen, ob er seiner Geliebten seine wahre Herkunft offenbaren dürfe. Doch bevor es dahin kommt, erscheint Hermione. In Eile berichtet sie von ihrem Schwur. Amphio ist siegessicher und freut sich, auf diese Weise ihre Hand gewinnen zu können.

Die Zauberschwestern haben Amphios und Hermiones Gespräch belauscht und sinnen auf eine Möglichkeit, den Sieg des Hirten zu verhindern. Sie wollen die Phantasie fangen, so daß sie Amphio kein Gedicht eingeben kann. Statt dessen soll sie dem zum Sieg verhelfen, den Vipria dazu ausersehen wird.

Lied [GS: Arie] Phantasie I 11 [GS: I 16] („Ich bin ein Wesen leichter Art […]“). – Die Phantasie hatte von Apollo den Auftrag erhalten, Hermione und Amphio zusammenzuführen, weil ihm der Schwur der Königin gefiel, nur einen Dichter zu heiraten. Sie schwört Amphio, daß er Hermiones Hand erringen werde. Während Amphio zum Orakel eilt, um das Thema des Gedichts zu erfahren, wartet die Phantasie alleine. Diese Gelegenheit nutzen Vipria und Arrogantia. Sie überwältigen die Phantasie und, während Arrogantia sie fortschleppt, befragt Vipria den Zauberstern nach dem, der anstelle von Amphio Hermiones Gemahl werden soll.

Chor I 14 [GS: fehlt]. – Im Bierhaus warten die Gäste auf den Harfenisten. Auftrittslied Nachtigall I 15 [GS: I 20] („Nichts Schöners auf der ganzen Welt / Als wie ein Harfenist […]“). – Nachtigall ist ein unzuverlässiger, trunk- und streitsüchtiger Mann, der als Harfenist im Wirtshaus seinen Unterhalt verdient. Er singt I 15 das „Heurigenlied“ („Der Heurige ist ja ein Göttergetränk […]“); [GS: Lied mit Chor, Nachtigall I 20: „He! Brüderln, wollt’s recht lustig sein […]“]. – Wahrend eines Streites mit allerlei Leuten erklärt Nachtigall: „Ich will sehen, wer mich aus dem Haus bringt.“ In diesem Augenblick erscheint Vipria und nimmt ihn mit sich fort. Chor I 16 [GS: fehlt; SW: I 15].

2. Aufzug

Vipria bringt Nachtigall in den Palast der Zauberschwestern. Bereits auf dem Weg fängt Nachtigall an, mit ihr zu streiten. Ihre Versprechungen beeindrucken ihn nicht. Erst als sie ihm droht, ihn den Löwen zum Fraß vorzuwerfen, bekommt er es mit der Angst zu tun und ist bereit, sich ihren Befehlen zu beugen. Vipria verlangt von ihm, zu Hermiones Palast zu gehen und sich als Engländer vorzustellen, der von Apollo geschickt wurde, um die Ehre der Dichtkunst zu retten. Er soll prahlerisch vor Hermione auftreten und anschließend in den Palast der Zauberschwestern zurückkehren. Für dieses Unternehmen bekommt Nachtigall ein prächtiges Gewand und eine goldene Harfe. Glücklich ist Nachtigall mit seiner Situation zwar nicht, beschließt aber, sich vorerst an die Befehle der Zauberschwestern zu halten. – Arie Nachtigall II 2 [GS: II 3] („Der Zufall, der sendet viel Vögelchen um […]“).

Chor II 3 [GS: II 4]. – Unter den Dichtern der Insel herrscht große Aufregung, well ihnen keine Verse mehr einfallen. Verzweifelt bittet Distichon Hermione um einen Aufschub des Wettbewerbs, doch Hermione erneuert ihren Schwur.

Arie Nachtigall II 8 [GS: II 9; SW: II 7] („Serviteur! Serviteur! / Ist Ihnen allerseits ein’ Ehr. / Ich bin ein großer [GS: fremder] Dichtersmann […]“). – Siegesgewiß tritt Nachtigall Hermione entgegen und erklärt, in der letzten Nacht sei Apollo ihm im Traum erschienen und habe ihm ihre Hand versprochen. Hermione, die immer noch fest an Amphios Sieg glaubt, ist erheitert und hält den merkwürdigen Menschen für einen Abenteurer, der sein Glück sucht. Doch dann erscheint auch Amphio und klagt, die Phantasie habe ihn verlassen. Hermione vermutet eine Verschwörung der Zauberschwestern, ist sich jedoch sicher, daß deren Zaubermacht im Tempel des Apollo nicht wirkt, und spricht Amphio Mut zu.

Nachtigall ist in das Schloß der Zauberschwestern zurückgekehrt. Voller Ungeduld kann er es kaum erwarten, die schöne Königin, in die er sich verliebt hat, zu heiraten. In der Zwischenzeit hat Arrogantia der Phantasie die Flügel beschnitten, und Vipria kettet sie nun an Nachtigalls Schreibtisch, damit sie ihm das Siegergedicht einsage. Eine halbe Stunde bleibt ihm noch bis zur Entscheidung.

Unterdessen haben die Schwestern vernommen, daß Hermione das Orakel befragen will, warum ihre Dichter keine Verse mehr machen können. Um ihren Plan zu retten, verwandeln sie die Orakelsprecher in Stein und nehmen selbst deren Gestalt und Stelle an.

Die Phantasie verweigert sich standhaft, dem immer unruhiger werdenden Nachtigall zu helfen. Nach Ablauf der Frist ist Nachtigall nicht über die Überschrift „Hermione“ hinausgekommen. In seiner Not beschließt er ein kleines, ihm bekanntes Lied auf die Königin umzudichten.

Quodlibet Phantasie II 13 [GS: II 18; SW: II 11]: Die Phantasie sorgt sich um Amphio und bittet Apollo um Hilfe. Durch Jupiters Blitz wird sie von ihren Fesseln befreit und eilt sofort zu Amphio.

Im Tempel des Apollo ist alles bereit für den Wettbewerb. – Chor der Dichter II 14 [GS: II 19; SW: II 12]. Alle Dichter bekennen, daß sie nicht fähig waren, ein Lobgedicht auf Hermione zu schreiben. Hermione will die Versammlung bereits aufheben, als Nachtigall erscheint. – Lied Nachtigall mit Chor II 15 [GS: II 20; SW: II 12] („Liebe Leutchen kommt zu mir, / Will euch etwas singen […]“).

Hermione ist über den Vortrag entsetzt, Distichon will Nachtigall hinauswerfen, doch Vipria, als Orakelsprecher [als Opferpriester] verkleidet [GS: fehlt], erinnert an den Schwur. Nochmals fordert sie die anderen Dichter auf, ihre Verse vorzubringen, doch alles schweigt. Verzweifelt bittet Hermione um Rettung.

In diesem Moment erscheint die Phantasie und reicht Amphio unerkannt die Hand. Dieser tritt auf der Stelle vor mit einem Gedicht, in dem er offenbart, der Sohn des Königs von Athunt zu sein.

Voller Freude sinkt Hermione in seine Arme. Amphio wiederum dankt der Phantasie auf Knien. Nun zeigen die Zauberschwestern ihr wahres Gesicht, und Vipria versucht den Tempel einstürzen zu lassen. Doch Apollo selbst erscheint und bestraft die bösen Schwestern für die Fesselung der Phantasie. Nachtigall wird von Hermione als zweiter Hofnarr eingestellt, und die Phantasie erhält den Auftrag, dem König von Athunt den glücklichen Ausgang der Geschichte zu berichten. – Chor II 17 [GS: II 22; SW: II 12].

Aus ‹Ferdinand Raimund, der Theatermacher an der Wien›
von Jürgen Hein und Claudia Meyer, Verlag Lehner

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