Ferdinand Raimund
Die unheilbringende Zauberkrone

Inhalt

Personen: Lucina, Schutzgöttin von Agrigent; Hades, Fürst der Unterwelt; Thanatos, Genius des ewigen Schlafes [des Todes]; Lulu, Fanfu, Genien; Tisiphone, Megäre, Alekto, die rächenden Furien; Kreon, König von Agrigent; Phalarius, Feldherr; Antrogäus, Unterfeldherr; Antrokles, Clintonius, Hauptleute des Phalarius; Octavian, ein Landmann; ein Jäger von des Phalarius Gefolge; Heraklius, Fürst von Massana; Thestius, ein edler Massanier; Arete, seine Nichte; Epaminondas, Hippomedon, Argos, Sillius, Massanier; Harmodius, [erster] Minister; Adrasto, erster Diener des Tempels; eine Frau aus Massana; ein Diener des Thestius; Ewald, ein Dichter; Simplicius Zitternadel, ein armer Dorfschneider; Riegelsam, ein Weinhändler; Dardonius, Fürst von Kallidalos; Olimar, Astrachan, Abukar, Nimmelot, Aloe, Atritia, ihre Nichte, Bewohner von Kallidalos; ein Höfling; erster, zweiter, dritter Geist des Orkus; Genien; Geister; Erscheinungen; Edle und Krieger von Agrigent; Jagdgefolge des Phalarius; Volk von Massana; Krieger, Höflinge und Volk von Kallidalos; Dienerinnen im Aphroditentempel; [Soldaten; Jäger; Edle; Tänzer und Tänzerinnen; Priesterinnen der Venus; zwölf Mädchen; Träger; Große des Reiches; Diener des Tempels; Herren und Frauen; zwei Gerichtsdiener].

1. Aufzug

Jubelchor I 1. – Phalarius ist wütend, well Kreon Herrscher von Agrigent ist, obwohl er, Phalarius, so viele siegreiche Schlachten geschlagen hat. Nun sinnt er auf Rache. Durch Zufall führt ihn sein Weg zu den Rachefurien, die er um Hilfe anruft. Im nächsten Moment trifft er auf Hades. Hades jammert über sein Schicksal, denn einst war er vielgeliebt und reich, doch jetzt ist ihm nichts geblieben außer seiner Krone. Um diese beneidet Phalarius ihn heftig. Hades schenkt sie ihm, allerdings mit der Warnung, daß er sie bis zum Grab nicht mehr ablegen werde. Phalarius läßt sich nicht abschrecken. Hades erzählt von der Macht der Krone: Vor ihrem Besitzer müssen alle in den Staub versinken. Jeder der sich ihm nähert, wird völlig mutlos. Niemand kann ihm die Krone entwenden, und ihr Besitzer ist unverwundbar, außer wenn die Krone vom Mondlicht beschienen wird. Gerne will Phalarius die Krone besitzen, und Hades setzt sie ihm auf. Hades will für sein Geschenk keine Gegenleistung. Der Augenblick, in dem Phalarius genauso jammern wird wie er: „Ich bin so arm, mir bleibt nichts als die Krone”, wird ihm Lohn genug sein. Phalarius hält es für ausgeschlossen, dass er jemals so sprechen wird.

Als erster erscheint Antrogäus mit Soldaten, an denen Phalarius seine neue Macht erprobt. Chor I 4 [SW: I 2]. – Antrogäus hat den Auftrag, Phalarius zu Kreon zu bringen, damit er reumütig seinen Groll begräbt und dafür vom König neue Würden bekommt. Doch Phalarius zieht sein Schwert und verwundet den Boten. Er will die Macht an sich bringen und hält sich für ewig unbesiegbar.

Der Hades sieht mit Frohlocken, daß sein Plan, die Erde zu entvölkern, dank Phalarius gelingt. Das Tor der Rachefurien verschließt er, damit sie Kreon nicht helfen können. Zu seinem Leidwesen hat jedoch Lucina das Leben des Königs gerettet. Kreon ist dankbar für seine Rettung, sinnt aber auf Rache. Er schlägt an die Pforte der Höhle der Eumeniden („die rächenden Furien“). Doch Hades selbst tritt als Bewacher der Pforte hervor; verhöhnt die wütende Lucina und verflucht ihren See, so dass jeder, der daraus trinkt, die Menschen verachtet und ihnen nach dem Leben trachtet, bis soviel Blut vergossen ist, wie er Wasser aus dem See getrunken hat. Gekränkt fordert Lucina Hades zum Kampf. Dieser lehnt es stolz ab, gegen ein Weib zu kämpfen. Lucina schlägt vor, nicht durch die Elemente, sondern durch Geisteskräfte gegeneinander zu kämpfen. Siegesgewiß nennt Hades ihr drei Dinge, die sie auf dem Altar vor der Höhle der Eumeniden opfern soll: zum ersten eine Krone vom Haupt eines Königs, der nie ein Land besaß und nie eines besitzen wird, zum zweiten einen Lorbeerkranz eines ängstlichen Helden, der dennoch eine so große Tat vollbracht hat, daß Krieger ihm diesen Lorbeerkranz schenken, und zum dritten einen Myrtenkranz, den eine faltige alte Frau von 60 Jahren von anderen Frauen als Schönheitspreis verliehen bekommen hat. Sollte Lucina alle drei Dinge bringen, werde Hades das Tor freigeben und Phalarius’ Macht wäre mit Hilfe der Eumeniden gebrochen. Sollte Lucina die Bedingungen nicht erfüllen, wäre Kreon verloren. Kreon ist völlig mutlos, doch Lucina hat bereits einen Plan, wie sie die Sache angehen könnte. Kreon soll derweil im Kreis von Lucinas Elfen warten.

Ariette Simplicius I 9 [SW: I 6] („’s gibt wenig, die so glücklich sind / Wie ich auf dieser Welt […]“).

Lucina erscheint bei dem armen Dichter Ewald und erklärt ihm, sie habe ihn ausersehen, ein mächtiges Reich zu retten. Dafür soll er nach Massana reisen, ein armes Land, das in einigen Tagen vom Meer verschlungen werde. Dort solle er sich als Weiser aus Ägypten ausgeben, der gekommen sei, das Land zu retten. Dem todkranken König solle er das Sterben erleichtern und für seinen Dienst die Krone fordern. Zur Hilfe gibt Lucina ihm eine Zauberfackel, die sich durch Schwingen selbst entzündet und alles, worauf ihr Strahl fällt, in wunderbarer Gestalt zeigt. Allerdings darf Ewald nicht alleine reisen, sondern nur in Begleitung eines feigen Dümmlings. Sofort fällt ihm sein Hausherr, der Schneider Simplicius, ein. Simplicius, der auf diese Weise dem Schuldenarrest entkommt, ist gerne bereit. Doch bevor sie sich auf den Weg machen können, erscheint der Weinhändler Riegelsam in Begleitung zweier Gerichtsdiener, um sein Geld einzufordern. Um sich zu retten verwandelt Ewald das Zimmer mit Hilfe der Zauberfackel in einen wertvoll möblierten Raum. Er selbst gibt sich als Engländer aus, dem die Möbel gehören und der bereit ist, Simplicius’ Schulden zu bezahlen. Riegelsam ist begeistert von den Möbeln und gerne bereit, sie als Sicherheit zu nehmen für den Fall, dass Ewald die Schulden nicht innerhalb einer Stunde bezahlt. Ewald verlangt allerdings zuerst den Abzug der Wachen, was auch geschieht. Der Weinhändler will jedoch an Ort und Stelle bleiben, um die Möbel zu bewachen. Deshalb beschließen Ewald und Simius, die Fackel zu nehmen und ihn in dem Zimmer einzuschließen. Kaum ist die Fackel aus dem Raum, verwandelt er sich wieder in die armselige Stube. Der Weinhändler tobt vor Wut, kann die beiden aber nicht mehr aufhalten.

Kurzer Chor 117 [CS: 118; SW: Ill] („Jammer, sag, wann wirst du scheiden / Von Massanas Unglücksflur? […]“). – Lucina erbittetv om Genius des ewigen Schlafes [CS: des Todes], dass bei Massanas Vernichtung zwei Leben geschont werden. Zudem soll der todkranke König unmittelbar vor dem Untergang des Landes sterben. Der Genius gewährt die Bitten.

Das Volk von Massana jammert über das Unheil, das über das Land gekommen ist, seitdem es vor sieben Jahren nicht den zum König wählte, den das Orakel des Hades dafür bestimmt hatte. Man wundert sich, dass zwei Fremde den Weg in das geplagte Land gefunden haben. Simplicius hört von dem Unglück, das ständig irgendwo seine Opfer fordert, und verfällt gänzlich der Angst. Während Ewald zu dem sterbenden König eilt, trifft Simplicius auf Arete. Er verliebt sich sofort in sie, doch Arete verachtet den mutlosen Mann. – Duett Arete, Simplicius I 27 [CS: I 28; SW: I 18] („Wer bist du wohl?, schnell sag es an […]“).

Kurzer Chor der Furien I 28 [CS: I 29; SW: I 19]. Ewald verspricht Heraklius, die unheimlichen Bilder, unter denen er leidet, zu verscheuchen, und verlangt dafür die Krone. Sofort ist der König zu dem Handel bereit, und Ewald zaubert mit seiner Fackel eine wunderbare Wolkenkulisse. Erfüllt von glücklichem Entzücken stirbt Heraklius. Sofort wird Ewald zum König gekrönt, doch während der Krönungszeremonie geht das Land in einem Erdbeben unter. Ewald wird auf Wolken davongetragen und verschönt sich den Anblick des verwüsteten Landes mit seiner Fackel.

2. Aufzug

Jagdchor II 1 („[…]Falle, Jäger! oder sieg!“). – Als er die Macht an sich riss, ließ Phalarius nur Aspasia, die Schwester des Königs, am Leben, in die er sich schon zuvor verliebt hatte. Doch sie weigerte sich, ihn zu lieben, weil es für seine Krone keine Liebe gibt. Als er versuchte, ihr einen Kuss abzuzwingen, starb sie in seinen Armen. Des Nachts verkriecht Phalarius sich in einen fensterlosen Raum, damit kein Mondlicht auf seine Krone fällt und er damit verwundbar wäre.

Lulu und Fanfu haben Simplicius aus dem Erdbeben gerettet. Sie bringen ihn an Lucinas roten Zaubersee, aus dem er einen Schluck trinken soll. Der ängstliche Simplicius traut sich erst nach einigem Zögern, spürt dann aber sofort große Kraft und Wut in sich. Lulu gibt ihm den Auftrag, nach Kallidalos zu fliegen, wo er auf Ewald treffen wird.

Phalarius fühlt sich angeekelt von der Demut, mit der ihm alle begegnen. Er ist unglücklich, weil er keinen echten Ruhm und vor allem keine Liebe findet. Die Krone wird ihm zur Qual. Während der Jagd trifft er auf die Hütte Octavians, eines Feldherrn, der sich freiwillig als Bauer in diese Einsamkeit zurückgezogen hat. Octavian fühlt sich glücklich, obwohl er nicht herrscht, und reizt damit Phalarius’ Zorn. Es quält Phalarius, wenn er Glück sieht, selbst aber niemals froh sein kann. Er verbannt Octavian aus seinem Reich.

Lucina hat Ewald nach Kallidalos gebracht. Auf dieser Insel wird jedes Jahr das schönste Mädchen ausgesucht und vom König mit einer Rosenkrone geschmückt. Auch wird der Tapferste aus der Schar der jungen Männer gewählt und bekommt die Schönste zur Braut. Ewald soll dafür sorgen, daß in diesem Jahr eine 60jährige die Krone erhalt. Allerdings muß es eine Krone aus Myrten sein, und die Frauen, die die Krone gerne selbst hätten, müssen die Trägerin wählen. Von Lucina erfährt Ewald noch, dass Simplicius lebt, aber vorübergehend ein wildes Gemüt hat, weil er aus Lucinas Zaubersee getrunken hat. Er wird sich wieder wandeln, wenn so viel Blut durch seine Hand geflossen ist, wie er Wasser aus dem See getrunken hat. Lucina wird ihm die Hand führen.

Ewald macht die Bekanntschaft von Atritia, die ihm sehr gut gefällt. Auch das Mädchen findet Gefallen an dem Fremden.

Auf der Straße trifft Ewald auf einen vor Mut und Kraft strotzenden Simplicius, der von sich sagt: „[…] wie ich nur einen Menschen seh, so möcht ich ihn schon in der Mitte voneinander reißen.“ Er macht sich Knoten in sein Taschentuch, damit er nicht vergisst, wen er alles umbringen will. Es gelingt ihm, alleine acht zum Teil bewaffnete Einwohner von Kallidalos in die Flucht zu schlagen. – Lied Simplicius II 15 [CS: II 14; SW: II 9] („Wenn s’ mir die Welt zu kaufen gäben, / Ich weiß nicht, ob ich s’ nimm […]”).

Aloe will nicht, daß Ewald Atritia den Hof macht, doch Ewald bittet um Atritias Hand, falls es ihm gelingt, dass die alte Aloe am Abend den Schönheitspreis gewinnt. Überglücklich ist Aloe mit der Bedingung einverstanden.

Ein wieder gänzlich anderer, ängstlicher Simplicius begegnet Ewald. Es ist ihm gelungen, den wilden Eber, der auf der Insel sein Unwesen trieb, zu erlegen. Im selben Augenblick verließ ihn sein Mut wieder, und er rannte davon, obwohl alle Krieger ihn als Helden feierten. Chor von Kriegern II 19 [CS: II 18: SW: II 11].

Dardonius krönt Simplicius aus Dankbarkeit für seine Heldentat mit einem Lorbeerkranz. Er kann sich zwar nicht erklären, wie eine Gestalt wie Simplicius den riesigen Eber erlegt habe könnte, aber alle Krieger versichern, daß der Fremde den Eber ganz alleine zur Strecke gebracht hat. Simplicius selbst kann sich schon bei dem Anblick des toten Ebers vor Angst kaum halten. Bevor Simplicius im Triumph davongetragen wird, macht er noch Ewald mit Dardonius bekannt. – Chor II 20 [GS: II 19; SW: II 12].

Ewald bittet den König, der Schönsten am Abend nicht das übliche Rosen-, sondern ein Myrtendiadem zu verleihen. Dardonius gewährt die Bitte. Mit Hilfe der Fackel verleiht Ewald Aloe zu deren Entzücken ein göttergleiches Aussehen. Während Aloe und Ewald zum Tempel gehen, nimmt Lulu Atritia in Obhut.

Kurzer Chor II 25 [GS: II 24; SW II 15] „Seht, die Göttin ist uns hold […]“). – Im Tempel wird Simplicius als kühnster Krieger geehrt und gefeiert. Danach wetteifern die Mädchen um den Ruhm, die Schönste zu sein. Ewald führt Aloe zu ihnen. Die Frauen müssen zugeben, dass sie die Schönste ist, und schmücken sie mit dem Myrtenkranz. Doch Simplicius, der um die Verzauberung weiß, weigert sich, Aloe zur Frau zu nehmen, wie es die Sitte verlangt. Dardonius, der darin eine Missachtung der Schönheit sieht, will Aloe deshalb selbst heiraten. Doch bevor es so weit kommt, greift Lucina ein, nimmt den Lorbeer- und den Myrtenkranz an sich und führt Ewald und Simplicius mit sich fort.

Aloe steht wieder in ihrer früheren Gestalt vor dem König und wird aus dem Tempel gejagt. Chor II 26 [GS: II 25; SW: II 16] („Hinaus, hinaus, du Ungetüm […]“).

Lucina legt die Kronen auf den Opferstein. Die Siegel vor der Pforte der Rachefurien verschwinden. Tisiphone, Megäre und Alekto kommen heraus. Sie suchen Phalarius in der Nacht heim und lassen die Kuppel seines Schlafgemachs einstürzen, so dass Mondlicht seine Krone bescheint und sie ihn erdolchen können. Hades tritt hinzu und nimmt dem toten Phalarius die Krone ab.

Kreon kann wieder seinen Thron besteigen. Er dankt Lucina für ihre Hilfe. Ewald bekommt zu seiner Freude die Hand von Atritia und darf auch die Wunderfackel behalten. Kreon verspricht ihm ein Amt an seinem Hof. Simplicius erhält vom König 1000 Goldstucke. Darüber ist er viel glücklicher als über den Lorbeerkranz. – Chor II 32 [GS: II 31; SW: II 19] („[…] Tugend findet froh den Lohn”).

Aus ‹Ferdinand Raimund, der Theatermacher an der Wien›
von Jürgen Hein und Claudia Meyer, Verlag Lehner

wp